Anne Berest
Foto: JF PAGA

Im Brackwasser der Geschichte

02. Oktober 2023

„Die Postkarte“ von Anne Berest – Textwelten 10/23

Der Briefkasten ist kaputt, deshalb lässt der Zusteller die Post auf den Boden fallen. Die Zigarette noch im Mund hebt Lélia sie mit aller denkbaren Gelassenheit auf. Sie findet die Karte nicht besonders bemerkenswert, ganz im Gegensatz zu ihrer Tochter Anne Berest, für die sie 2003 zum Pfeil aus der Vergangenheit wird, der sie mitten ins Herz trifft. Der Text besteht nur aus vier Namen, bei denen es sich um jene Verwandten handelt, die in Auschwitz ermordet wurden. Anne Berest beginnt zu recherchieren, von wem könnte die Karte abgeschickt worden sein?

Wer im Brackwasser der Geschichte rührt, fördert überraschende Tatsachen an den Tag. Anne Berest folgt den Spuren ihrer jüdischen Familie, die von Russland ins Baltikum und von dort nach Frankreich übersiedelte. Kaum hatte man irgendwo Wurzeln geschlagen, drängte der Antisemitismus die Vorfahren weiter in den Westen. Aber auch in der Gegenwart hört sie von ihrer Tochter den Satz „In der Schule mögen sie Juden nicht besonders.“ Die 1979 geborene Anne Berest kommt aus der Pariser Theaterwelt, sie weiß, wie Dramaturgie und anschauliches Erzählen funktionieren. Vor unseren Augen entfaltet sie einen satten Familienroman in bester französischer Tradition und unterlegt ihm klug die kriminalistische Recherche, bei der ihr ein Graphologe und ein Detektiv zur Seite stehen. Mitunter weiß sie ein bisschen zu viel und zu genau, was ihre Figuren denken und fühlen. Dennoch hält Berest die Schicksalsfäden ihres umfangreichen Personals straff in Händen. Man will stets wissen, wie sich diese autofiktionale Geschichte fortsetzt, und – so viel sei verraten – sie findet letztlich auch in ein schlüssiges Finale.

Zur zentralen Gestalt wird ihre Großmutter Myriam, die als Einzige dem Auschwitz-Transport entgehen konnte und Verbindung zur Resistance aufnahm. Damit rührt Berest an das in Frankreich verdrängte Kapitel der Kollaboration und zugleich enthüllt sich ein privates Geheimnis um eine Dreiecksbeziehung der Großmutter. Seine erzählerische Kraft bezieht der Roman aus seiner emphatischen Klarheit, die Licht in historische Zusammenhänge bringt, deren Folgen bis in unsere unmittelbare Gegenwart reichen.

Anne Berest: Die Postkarte | Deutsch von Amelie Thoma und Michaela Meßner | Berlin Verlag | 560 S. | 28 Euro

Thomas Linden

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