Eine Frau und ein Mann treffen sich in einem Restaurant. Im Laufe der Konversation erwähnt sie ihre unmittelbar bevorstehende Brustkrebs-OP. Als sie das Restaurant verlassen, bittet er sie, die Nacht mit ihm in seinem Hotelzimmer zu verbringen. Ist das romantisch? Sex im Angesicht des Todes. Auch die beiden sind überrascht von ihrem gegenseitigen Begehren. Nur verwehen die Momente der größten Intimität, in denen die Zeit vollständig in der Gegenwart aufgeht und die Liebenden glauben, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, in der Erinnerung schnell wieder.
Annie Ernaux und ihr Liebhaber Marc Marie entdeckten jedoch am nächsten Morgen das Stillleben, das ihre am Abend hastig abgestreiften Kleider auf dem Küchenboden bildeten. Dieses Knäuel aus Jeans, Strumpfhose, BH, Boxershorts, ihren Pumps und seinen Doc Martens fotografierten sie. Über das Jahr 2003 hinweg, in dem sich ihre Krebsbehandlung fortsetzte, entstanden 40 solcher Fotografien, von denen sie 14 auswählten. Aufgenommen im Flur, Schlafzimmer, diversen Hotelzimmern und neben ihrem Schreibtisch im Arbeitszimmer.
„Auf den Bildern“ lautet der deutsche Titel dieses schmalen Bandes, der zunächst wie eine sentimentale Indiskretion wirkt. Aber es geht hier um mehr. Was man auf den Bildern sieht, kommentieren beide unabhängig voneinander in kurzen Texten, in denen sie sich auf unterschiedliche Weise an die jeweilige Situation erinnern. Die Passagen von Marc Marie stehen dabei im Niveau den Texten der Nobelpreisträgerin in nichts nach. Wörtlich würde man den Originaltitel „L’usage de la photo“ als „Vom Nutzen der Fotografie“ übersetzen. Darin kommt die Ambivalenz der Fotografie zum Ausdruck, die auch den tragischen Gefühlszwiespalt der Liebenden bezeichnet. Mit den Bildern hat man einen Beweis für das Begehren und doch wird gerade mit ihnen die Vergänglichkeit dokumentiert. Selten liest man einen Text, der so offensichtlich die Verbindung zwischen Sex und Tod zu zeigen vermag. Der Tod ist hier keine literarische Figur, sondern schwebt beständig über dem Paar. Gleichwohl stellt Annie Ernaux dem Buch das berühmte Motto von Georges Bataille voraus: „Erotik ist die Bejahung des Lebens bis in den Tod.“
Annie Ernaux u. Marc Marie: Auf den Bildern | A. d. Franz. v. Sonja Finck | Suhrkamp Verlag | 260 S. | 25 €
biograph |
choices |
engels und
trailer
- die online Kinoprogramme für
Bochum,
Bonn,
Castrop-Rauxel,
Dortmund,
Düsseldorf,
Duisburg,
Essen,
Frechen,
Gelsenkirchen,
Hagen,
Herne,
Hürth,
Köln,
Leverkusen,
Lünen,
Mülheim,
Neuss,
Oberhausen,
Recklinghausen,
Solingen und
Wuppertal