engels: Frau Tazuke-Steiniger, wie radikal kann die Realität verniedlicht werden?
Nana Tazuke-Steiniger: In der Ausstellung geht es nicht um die Analyse der Kawaii-Ästhetik [kawaii: jap. für „niedlich“; d. Red.], sondern wir, Charlotte Ickler und ich, Kuratorinnen der Ausstellung, fokussieren uns hauptsächlich auf den Hype drumherum. Dabei spielt die Figur Hello Kitty eine große Rolle. Wir leihen auch Exponate vom japanischen Unternehmen Sanrio und seiner deutschen Vertretung Super RTL aus. Die Geschichte von Hello Kitty ist eigentlich politisch verankert, sie hat mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu tun. Shintarō Tsuji, der Gründer von Sanrio, erlebte selbst den Krieg. Er hat niedliche, kleine Artikel mit den Charakteren Hello Kitty und ihren Freunden produziert und wünschte sich, dass sie die Menschen glücklicher machen und ihnen Frieden stiften würden. Gleichzeitig kann man sie auch ein bisschen als Flucht aus der Realität verstehen. Diese Ausstellung ist die erste umfassende Ausstellung zum Thema ostasiatische Popkultur in Deutschland. Es gab ja immer wieder Kawaii-Ausstellungen und eine Manga-Ausstellung, aber unsere Ausstellung deckt die Vielfalt der Popkultur ab.
Hat ostasiatische Popkultur nicht auch eine dunkle Seite?
Ja. Thematisch und strukturell. Strukturell kann man die „dunkle“ Seite besonders im Kapitel Musik finden. Sowohl in der K- als auch der J-Pop-Industrie sind die Verhältnisse zwischen der Agentur und Musiker:innen nicht transparent und teilweise problematisch. Mit Fans sind Musiker:innen besonders verbunden, wobei die Verbindungen teilweise ihre Karriere und Privatleben beeinflussen. Thematisch wurde die Popkultur nach 1945 stark vom Zweiten Weltkrieg beeinflusst. Der Manga „Astro Boy“ vom bekannten Zeichner Osamu Tezuka ist beispielsweise ziemlich gesellschaftskritisch und gleichzeitig zukunftsorientiert. Tezuka gilt als ein Vater des heutigen Mangas. Viele Autor:innen und Zeichner:innen sind von ihm beeinflusst, auch der Autor von „Akira“, Katsuhiro Otomo. „Akira“ behandeln wir auch in der Ausstellung. Manga beinhaltet auch die avantgardistische Seite. Manga wurde im Ausland so beliebt, dass die Regierung dessen Soft Power erkannt hat. Jetzt ist der Manga auch Teil der Kulturpolitik. Die ursprüngliche Motivation heutiger Popkultur aus Japan war aber oft rebellisch. Rei Kawakubo, japanische Designerin von Comme des Garçons, präsentierte in den 1980er Jahren schwarze Kleidungen. Die schwarze Farbe war damals in der westlichen Modewelt ein Tabu. Ihr Design bricht immer wieder bestehendes Klischee. In der Ausstellung ist ein Kleid von ihr mit der Manga-Illustration von Macoto Takahashi zu sehen.
Gibt es einen choreografierten Parcours?
Wir haben die rund 900 Werke in Kategorien unterteilt: Musik, Game, Charakter, Serien & Anime, Film, Comics, Essen und Fashion & Beauty. Als Einleitung zeigen wir auch Interviews mit lokalen Menschen, die jeweils ihre persönliche Einwanderungsgeschichte der Nachkriegszeit der drei Länder China, Japan und Südkorea erzählen. Es gibt es keine lineare Erzählung durch die Ausstellung, aber wir haben wiederkehrende Motive in allen Kategorien.
Takumi Ogata, What is kawaii, 2022, Digitale Malerei, © takumi2ndtonkotsu/@artist takumi ogataWie sehr prägen künstliche Intelligenzen ostasiatische Popkultur?
Thematisch haben wir uns nicht damit auseinandergesetzt, wie sich die Nutzung von KI in der ostasiatischen Popkultur auswirkt. Aber auf unserem Plakat ist das Maskottchen Maru (Morphoria Ultra Fluffy AI Cat Maru, 2026) zu sehen, das ist genderneutral, das haben wir mithilfe von KI produzieren lassen. Bei der Entwicklung sind wir auch an die Grenze der KI gestoßen.
Geht ihr auch auf den globalen Wirtschaftsfaktor ein?
Ja, auf jeden Fall. Unsere Auswahl der Exponate, besonders von K-Pop, K-Kosmetik und Comics orientiert sich an den Bestsellern und Empfehlungen in Medien. Wir haben bewusst einen Aufruf über die Sozialen Medien gestartet, um Fan-Artikel aus Privatsammlungen auszustellen. Wir hatten Rückmeldungen von Kindern bis Erwachsenen. Es ist eine sehr große Menge zusammengekommen, auch weil einzelne Objekte teilweise sehr klein sind.
Popkultur, gerade die ostasiatische, ist eher für die jüngere Bevölkerung. Hat die Ausstellung eine – gedachte – Altersgrenze nach oben?
Wir sind stolz, dass wir auch Heidi in der Ausstellung haben, ich hoffe, dass alle Altersgruppen die Figur mehr oder weniger kennen. Isao Takahata, Regisseur der Anime-Heidi-Serie aus dem Jahr 1974, ist der spätere Mitgründer von Studio Ghibli. Das ist schon eine wichtige Geschichte, wie früh die japanische Anime-Industrie Einfluss auf Deutschland hatte.
Asia Pop | 17.9. bis 23.5.2027 | NRW-Forum Düsseldorf | Info: 0211 566 421 00
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