Die Bestsellerlisten sprechen eine klare Sprache. Nichts verkauft sich besser als Literatur mit erotischen Sujets. Auf Platz eins, drei und vier der Jahresabrechnung finden sich Titel wie „Shades of Grey“, „Geheimes Verlangen“ oder „Befreite Lust“, und der Börsenverein kann einmal mehr die unverrückbare Tatsache verkünden: „Sex sells“. Leser und vor allem Leserinnen – wenn man den Zahlen trauen darf – greifen zum Buch, um sich von Texten erregen zu lassen, und um einen verwirrenden Gefühlsbereich wie die Sexualität über dem Lesen zu reflektieren. Dass die Kritiker angesichts der mitunter mäßigen literarischen Qualitäten die Nase rümpfen, spielt an der Kasse offenbar keine Rolle.
Die Rezensenten übernehmen aber vielleicht auch deshalb den Part der Spielverderber, weil in der erotischen Literatur das Gerüst der Konstruktion zumeist deutlicher zwischen den Zeilen hervortritt als in anderen Bereichen der Belletristik. Gleichwohl gibt es auch hier Entdeckungen zu machen. Die Tatsache, dass die von Frauen geschriebene erotische Literatur oftmals überzeugender die Wechselwirkung zwischen realistischen Details, Atmosphäre und psychologischem Hintergrund auslotet, tritt auch in zwei bemerkenswerten Romanen dieses Frühjahrs zutage.
Die Welten, in denen sie spielen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine deutsche Autorin, die von ihren persönlichen Erfahrungen erzählt, verbirgt sich hinter dem Pseudonym Sophie Weiss, wie uns der Piper Verlag wissen lässt. Aufgezeichnet wurden sie unter dem Titel „Stolz & Demut“ und erzählen von Sophie, einer Studentin, die sich in die exklusive SM-Szene wagt. Sie lernt Richard kennen, einen Wirtschaftsboss, verheiratet, Ende vierzig, der sich mit ihr in erstklassigen Hotels trifft. Für einige Stunden ist sie seine Sklavin. Sophie Weiss beschreibt detailliert die erotischen Spiele der beiden, wobei sie abwechselnd aus ihrer und seiner Perspektive erzählt. Mit dem Blick ins Innere der Personen entstehen psychologische Konturen, so dass sich über die pornografischen Bilder hinaus ein tragisches Moment entwickelt. Denn letztlich realisieren die beiden nicht, wie das Spiel sein Regelwerk überschreitet und zu einem Teil der Wirklichkeit wird. Ein kalkuliertes Buch, das Mut, handwerkliches Können und ein intelligentes Finale bietet.
Um den erregenden Thrill des Kontrollverlusts dreht sich auch der Roman „Tu dir weh“ der 26jährigen Italienerin Ilaria Palomba. Deren Heldin – die 19jährige Philosophiestudentin Stella – steuert ebenfalls zielgerichtet den von Angstlust getränkten Zustand des Ausgeliefertseins an. Auf Partys und Rock-Konzerten begegnet sie Marco. Ein erster Quickie im Auto führt die beiden zusammen. Durch ihn schnupft sie die eine oder andere Line. Stella bemerkt die Durchtriebenheit von Marco und ist doch schon bald verrückt nach ihm. Ilaria Palomba entfesselt ein enormes Tempo, schickt die Leser mit auf den Trip, der nach immer kühneren und zornigeren sexuellen Abenteuern verlangt. Sexualität ist nicht mehr Teil eines Spiels, sondern wird zu einem Seinszustand. Stella versucht, die Grenzen zu ertasten, ein selbstzerstörerisches Unternehmen. Aber auch hier agiert eine Heldin, deren pulsierendes Selbstbewusstsein sogar dann spürbar bleibt, wenn sie sich den Männern bedingungslos zur Verfügung stellt. Die sind eher Mittel zum Zweck auf dem Trip zum ultimativen sexuellen Erlebnis. Ein wildes Buch ist Ilaria Palomba gelungen, das die ganze Spannweite der Emotionen von der Lust bis zur Verzweiflung ausmisst. Und bei aller Gegensätzlichkeit riskieren Sophie Weiss und Ilaria Palomba auf je eigenen Wegen einen Blick hinter die Kulissen der Konvention des erotischen Genres.
Sophie Weiss: Stolz & Demut. Piper Verlag, 160 S., 15,99 €
Ilaria Palomba: Tu dir weh. Deutsch von Marianna Perniola und Tom Müller. Blumenbar bei Aufbau. 320 S., 17,99 €
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