Wenn die Queen Würstchen in Form von Hakenkreuzen knetet, wenn Jenny Elvers Elbertzhagen Prinzessin Diana mimt, dann weiß der Kunstkenner sofort, um wen es da geht. Die NRW-Kunstsammlung in Düsseldorf zeigt Christoph Schlingensief (1960–2010) parallel zur Megaschau „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zu Joseph Beuys´ 100. Geburtstag. Einen Riesenraum im K20 füllt die Bühneninstallation, die es von der Berliner Volksbühne ins Museum geschafft hat, als multimediales Kunstwerk „Kaprow City“ von 2006, Schlingensiefs Hommage an den New Yorker Allan Kaprow (1927-2006), der als Vater des Happenings gilt und diese Kunstform in den frühen 1960ern auch theoretisch unterfüttert hat.

Da stehen die roh wirkenden Holz-Bühnenbilder, es flimmert hier, es flüstert da, ziemlich abgerockt sehen sie aus – kein Wunder, sie haben zahlreiche Theater-Performances hinter sich, die garantiert bei den Zuschauern im Gedächtnis geblieben sind, ob sie wollen oder nicht. Das Hotel Ritz-Leuchtschild reckt sich hell scheinend der Vergänglichkeit entgegen, an den Wänden dokumentieren Screens die historischen Aktionen und Filme. Der Streifen „Querverstümmelung“ von 2007 in einer der sieben Boxen erscheint seltsam fragmentiert, gezeigt wurde er beim Internationalen Beethovenfest in Bonn. Wie immer bei Schlingensief wird das Auge und der Informationstransport ins Hirn ziemlich überfordert, auch um das zentrale Anliegen langfristig zu manifestieren. Aber sein Werk ist von seiner Person kaum zu trennen, insofern wirkt die Installation für mich als Zeitgenosse zwar etwas blutleer, nichtsdestotrotz bleibt sie aber emotional ziemlich wirkmächtig.
Also ran an die Kopfhörer an der Wand, der Meister gibt eine seiner oft gebrauchten Regieanweisungen: „We do it very quickly“, höre ich ihn sagen beim Dreh in London zum Diana-II-Streifen, der Untertitel „18 Happenings in einer Sekunde“ passt dazu. Das Gesamtbild hat den eingefrorenen Zustand einer Devotionalie überwunden, Überbleibsel von Performances von Joseph Beuys nebenan schaffen das oft nicht. Ursache ist sicher auch, dass Christoph Schlingensief die Verwandlung, oder besser: (Re-) Dekonstruktion des Bühnenbildes, selbst für die Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich bearbeitet hat. Vieles wurde entfernt, entkernt mit Videosequenzen, auch mit Biografischem (wie der duschende Junge) aufgeladen.

Grandios die Audio-Argumentation, ob der elektrische Stuhl Provokation ist oder auch mal zum Mobiliar passt. Verweise auf andere Größen der Kunstszene fehlen da natürlich nicht und sind beim Rundgang erst zu entdecken. Andy Warhol mit seinem „Blue Movie“ (1969) wird da zitiert. Joseph Beuys mit ein, zwei Kreidetafeln und Jörg Immendorffs „Hört auf zu malen“ von 1966 wird adaptiert in „Hört auf zu spielen“. Besucher, die nie etwas von einem der wichtigsten deutschen Künstler gehört haben, dürften sich ziemlich verloren fühlen in diesem Meer aus endlosen Assoziationen und Bildern und den vielen Film-Protagonisten, die nicht immer wie große Tragödinnen und Tragöden erscheinen. Wer sich aber darauf einlässt sollte erkennen können, was die Kunst und die Gesellschaft verloren hat. Und das very quickly.
Christoph Schlingensief. Kaprow City | bis 17.10. | K20, NRW Kunstsammlung, Düsseldorf | 0211 838 12 04
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