Infernalische Geräusche. Schummriges Licht. Die Bühne ist leer gefegt, im Hintergrund nur die schwarzen Fensterlöcher der Mietskasernen. Hierhin kommt kein Sonnenstrahl, hierhin verirrt sich kein Vogel. Es ist das schmucklose Fegefeuer irgendwo im Berlin der 1920er Jahre. Mittendrin windet sich ein Homunkulus unter der einzigen Wärmelampe. Das ist Liliom, der pöbelnde Aufschneider vom Rummelplatz, der boshafte Frauenheld, der prügelnde Kleinkriminelle.
Individuen ohne Identität betreten den Kreis des Schreckens, kümmern sich um den Gepeinigten und brauchen Minuten, um mit Liliom durch den dunklen Gang zu verschwinden. Endlose Minuten werden das, großartige Minuten, das ist keine Zeitlupe mehr, das werden No-Theater-Assoziationen, und das hinter der Schwebebahn in der Wuppertaler Oper. Das Publikum dort stöhnt da bereits lauter, als es Franz Molnárs Protagonist je ausleben könnte. Und Sybille Fabian zieht im großartigen Paul Weber-Bühnenbild von Herbert Neubecker die künstlerische Daumenschraube weiter an. Wie schon bei ihrer Wuppertaler „Lulu“-Inszenierung agieren die Personen nur noch triebgesteuert, haben die Kontrolle über die Bewegung ihrer Extremitäten längst verloren, die schnuckelige Vorstadtlegende wird zur Groteske einer vom Geist befreiten und dadurch verkrüppelten Gesellschaft. „Da wär‘ ich doch lieber zu Desirée Nick gegangen“ tönt es hinter mir, das Geschehen auf die Bühne spiegelt tatsächlich auch noch boshaft den Zuschauerraum. Kunst kann eben manchmal wehtun, mehr als das Fegefeuer für Liliom, in das er wegen einer Liebe gesteckt wird, die er selbst gar nicht verstehen kann. Mittendrin tauchen dann Vermummte auf, die mit Schnellfeuerwaffen aufs Publikum schießen. Ein Break, der eigentlich überflüssig ist auf dem Weg, Dantes Inferno ohne Kostüme zu zelebrieren.
Liliom, der Rummelplatzprotz hat es doch eigentlich leicht. Der Schwarm aller Mädchen und Tunichtgut bändelt mit der schüchternen Dienstmagd Julie an. Dabei kriegt er während des Stücks ohnehin kaum die Hände aus der Hose, kein Wunder, auch die Frauen vollführen knapp mit Stoff und Gürteln bekleidet wilde Veitstänze der Wollust. Julie klebt plötzlich wie ein weiterer Körperteil an Liliom, er heiratet sie, er schwängert sie, doch selbst sein von Sex und Gewalt umnebeltes Ich merkt, dass es so nicht weitergehen kann. Gegen den Rat der boshaften Frau Muskat (großartig wie alle: Gregor Henze) versucht er, sein Schicksal zu wenden, mit einem genialen Überfall auf den Geldboten, der wegen eines dummen Kartenspiels jedoch misslingt: Man erreicht die Beute erst, als die Aktentasche bereits leer ist. Liliom kann die Ausweglosigkeit nicht mehr ertragen und ersticht sich. Immer noch aufsässig kommt er in die göttliche Polizeistation, darf aber ins Fegefeuer, um Julie wiederzusehen.
Hier endet der fulminante Theaterabend, wenn der Geläuterte bei der exzessiven Geburt seines Kindes anwesend ist. Regisseurin Fabian hat gemeinsam mit einem großartigen Ensemble eine kunstvolle Molnár-Inszenierung geschaffen, die lange im Gedächtnis bleiben wird. Das Stadttheaterpublikum strömt wie zu erwarten lieber verstört zu den Parkplätzen. Aber wer zum Teufel ist Desirée Nick?
„Liliom“ I So 6.5. 16 Uhr I Opernhaus Wuppertal I 0202 569 44 44
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