Es geht um ein profanes Meisterwerk der Wiener Klassik, das Ernst mit Humor mischt, dessen Musik schnell zwischen düsterer Tragödie und frecher Komödie wechselt. Die Ouvertüre dieses „lustigen Dramas“ namens „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart ist eine Achterbahnfahrt und vereint zwei extreme Stimmungen miteinander: Angst vor dem Tod und wilde Freude am Leben. Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll ist ein Wechselspiel zwischen weltlichem Pariser Esprit und tiefer Religiosität, verbindet barocke Formelemente mit der Harmonik des französischen Impressionismus. In dem sakralen Requiem in d-Moll mischt Mozart Trauer mit Gefühlen wie Angst und Wut durch Verwendung barocker Elemente mit modernen Mitteln der Wiener Klassik. Mit diesen drei Werken begibt sich das Sinfonieorchester Wuppertal im Großen Saal der Historischen Stadthalle auf eine musikalische Reise von weltlichen zu religiösen emotionalen Welten und verabschiedet sich damit in die Theaterferien.
Runder Sound
Am Dirigentenpult steht Lukas Baumann. Umsichtig lotst er zu Beginn die Sinfoniker durch das dynamische, schnelle und langsame musikalische Drama der Mozart-Ouvertüre. Ein runder, voller Sound kommt von der Bühne, der manchmal die ganz feinen Phrasierungen ein wenig verschleiert.
Auf eine ausgewogene Balance achtet der Musikalische Leiter der Wuppertaler Kurrende bei Poulencs Orgelkonzert. Über dieses Opus steht im Programmheft geschrieben: „Die drei Sätze des Werks gehen ineinander über, folgen aber der traditionellen Typologie eines Konzerts. So ist der letzte Satz schnell und tänzerisch, der erste eher gravitätisch, der zweite lyrisch.“ Die Partitur ist jedoch einsätzig verfasst, klar unterteilt in sieben nahtlos ineinander übergehende kontrastierende Abschnitte mit wechselnden Tempi. Getreu dieser Abfolge erklingt die rund 25-minütige Musik am Stück sehr kultiviert. Solist an der großen Stadthallen-Orgel ist der Kirchenmusikdirektor und Kreiskantor des evangelischen Kirchenkreises Jens-Peter Enk. Er geht respektvoll mit den im Notentext notierten Registrierungsvorschriften um, sorgt so solistisch angemessen für expressive wie kontemplative Klangbilder und tritt sensibel in Dialoge mit dem Orchester ein. Folglich fallen kleine Unsauberkeiten gerade bei schnellen Läufen nicht sonderlich ins Gewicht.
Kultivierte Minuten
Bei Mozarts Requiem als Hauptwerk des Abends legen sich die Wuppertaler Kurrende und die Elberfelder Mädchenkurrende mächtig ins Zeug, um die sich Baumann mit seinem motivierenden Dirigat intensiv kümmert. Anrührend schön gestalten sie etwa das „Lacrimosa“ und „Hostias“. Geht es hingegen laut zu Sache, können sich die klein besetzten Tenor- und Bass-Gruppen gegenüber der wesentlich größeren Sopran- und Alt-Abteilung nicht durchsetzen. Und bei schnellen fugierten Passagen sind ein paar Stellen etwas ungenau. Dazu spielen die Sinfoniker engagiert und differenziert auf. Nur wenn der Dirigent ihnen nicht zuverlässig genug Anweisungen gibt, sind hin und wieder Einsätze nicht absolut synchron zu hören und gelegentlich schnelle Passagen ein wenig holprig.
Vier bestens disponierte Gesangssolisten gesellen sich hinzu. Der ebenmäßige Sopran von Dorothee Mields zieht in ihren Bann. Bettina Ranch überzeugt mit einem in allen Registern ausgewogen und entspannten Mezzosopran. Ausdrucksstark und tragfähig ist die Tenorstimme von Florian Sievers. Und Thomas Laske überzeugt mit einem sattelfesten Bass-Bariton. Außerdem singen sie ihre Quartette sehr einträchtig.
Das Publikum, dem sicher innerlich schmunzelnd aufgefallen ist, dass im Programmheft zwei zur Flötengruppe gehörende Musiker in der Rubrik Kontrabass aufgelistet sind, spendet schließlich stehende Ovationen.
Gespannte Erwartungen
Manche der Gäste werden wohl gespannt der Zukunft entgegensehen. Denn eine Totenmesse in der Sommerzeit anstatt im November aufzuführen ist nicht üblich. Hat man sich ausnahmsweise deswegen dazu entschlossen, weil mit dieser Veranstaltung die seit zig Generationen in der Chorstadt Wuppertal existierende Reihe der Chorkonzerte mit dem städtischen Orchester zu Grabe getragen wird? In der kommenden Spielzeit ist sie nämlich gestrichen. Stattdessen gibt es zwölf anstelle der bisherigen zehn städtischen Sinfoniekonzerte, davon zwei mit Vokalensemble. Zum einen steht im März Gustav Mahlers 3. Sinfonie auf dem Programm, bei dem der Chor im Finale nicht länger als fünf Minuten zum Einsatz kommt. Neben der Elberfelder Mädchenkurrende reisen deswegen die Essener Domsingknaben an. Dagegen sind bei der Aufführung der Chorsinfonie „A Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams drei Monate später der Chor der Konzertgesellschaft und der Chor der Wuppertaler Bühnen omnipräsent.
Am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es erstmals keine Klassiker, die Christi Geburt thematisieren, sondern als Sonderkonzert gekennzeichnet mit dem Konzertchor Wuppertal unter dem Thema „Christmas At The Movies“ einen Kessel Buntes aus Blockbustern: Musik aus den Streifen „Harry Potter“, „Star Wars“, „Der Herr der Ringe“ oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ lassen grüßen. Und Mitte Juli feiert das bislang ausschließlich instrumentale kleine Format mit Kammerorchesterbesetzung „Uptown Classics“ an anderen Orten als der Historischen Stadthalle Premiere, indem bei zwei Vokalwerken Antonio Vivaldis die Wuppertaler Kurrende mit eingebunden wird.
Tabubruch
Mit diesen Änderungen ändert sich das städtische Musikleben signifikant. Denn die Reihe der städtischen Chorkonzerte war ein fester Bestandteil. Hervorzuheben ist in dem Zusammenhang die Kooperation des professionellen Sinfonieorchesters Wuppertal der Kategorie A mit zwei Laienchören: dem Chor der Konzertgesellschaft und dem Konzertchor Wuppertal, vormals Konzertchor der Volksbühne. Dieser Zyklus war Kult und Chefsache, wurde behandelt wie eine heilige Kuh. Also wurden die Veranstaltungen von den Generalmusikdirektoren (GMD) geleitet. Dann trat Toshiyuki Kamioka sein Amt als GMD der Stadt an. Bald befand er, dass das Niveau der beiden Vokalensembles dem des Orchesters nicht genüge und wollte ohne sie auskommen. Dem wurde von ganz oben Einhalt geboten. Trotzdem blieb die Angelegenheit nicht ohne Folgen. Die Zahl der Konzerte wurde von vier auf drei pro Spielzeit reduziert. Die GMDs standen immer seltener vorne am Pult, in der letzten und in dieser Spielzeit gar nicht. Resultat war seitdem, abgesehen von diesem Saisonabschlusskonzert, eine kontinuierlich schwindende Publikumsresonanz. Erstmals in der Stadtgeschichte wurde jetzt außerdem mit einem Tabu gebrochen, indem nicht mehr allein die beiden erwähnten Chöre, sondern dieses Event die Wuppertaler Kurrende und die Elberfelder Mädchenkurrende verantworteten.
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