Foto: Irma Flesch

Frohes neues Ja

20. Dezember 2010

Sebastian 23 zählt an: Vier - die Video-Kolumne - Poetry 01/11

Welcher kühne Planer ist seinerzeit nur auf den Gedanken verfallen, das neue Jahr am ersten Januar beginnen zu lassen? Ich wache in der Regel am ersten Januar mit Kopfschmerzen auf, und das ist ein schwieriger Anfang für ein Jahr, finde ich.
Dabei veranlasst uns nichts, genau mit diesem frostigen Monat unser Jahr zu beginnen. Die Welt dreht sich ja nicht von einem Tag aus, sondern um eine Sonne herum. Dabei dreht sie sich übermütig auch noch selbst um ihre eigene Achse, so dass es am Ende so aussieht, als würde sich die Sonne um die Erde drehen.
Wir hatten früher auf der Kirmes im Dorfe ein Fahrgeschäft, das sich ganz genau so bewegt hat. Es hieß „Breakdance“ und war das technische Äquivalent einer umgekehrten Magenberuhigungstablette.



Gasbälle und Knusperriegel

Es liegt dabei eine gewisse Ironie in dieser doppelten Drehbewegung unserer Welt, die über Jahrtausende zu falschen Weltbildern geführt hat. Noch heute sagen die Menschen:
„Sieh nur, die Sonne geht unter!“
Und nur die wenigsten protestieren:
„Nein, mein naiver Zeitgenosse, unser Planet dreht sich lediglich auf seiner rasanten Rundreise um das Zentralgestirn zusätzlich um seine eigene Achse, und dadurch verlassen wir soeben den Lichtkegel eben jenes strahlenden Gasballs. Hier, iss diesen Knusperriegel, das hilft zwar nicht, aber schmeckt.“
Sagt keiner, obwohl das durchaus richtig wäre. Aber die Gemütlichkeit der Menschen, gerade in kaminfreudigen Monaten wie dem Januar, geht entspannt über astrophysische Irrtümer hinweg, wenn dafür eine althergebrachte Formulierung beibehalten werden kann. Und wenn jetzt einer sagen wollte, Galilei würde sich in seinem Grab umdrehen, dann hätte er eben ironischerweise recht.

Götter essen keine Bohnen
Wenn ich an den „Breakdance“ auf der Kirmes zurückdenke, kommen mir erst mal die lustigen Ansagen des Schaustellers in den Sinn und die garstige Musik mit Titeln wie „Barbie-Mädchen“ und „Baumwollaugen-Joe“. Noch wilder war da nur die Zentrifugalkraft.
Das Drehende drückt es nach außen, das hat vor vielen tausend Jahren Empedokles herausgefunden. Empedokles ist mein Lieblingsphilosoph, denn er war scheinbar manisch-depressiv, aß keine Bohnen und hielt sich für einen Gott. Um letzteres zu beweisen, stieg er eines Tages mit einer Schar Anhänger auf einen Vulkan und sagte: „Ich bin gleich wieder da.“
Dann sprang er hinein. Gute Aktion. Die Nummer mit der Zentrifugalkraft war aber auch nicht schlecht.
Mein Physiklehrer behauptete zwar, dass es eine ebenso starke Kraft gäbe, die in die Gegenrichtung weist, die so genannte Zentripetalkraft. Aber diesen Lehrer habe ich auch nie auf dem „Breakdance“ gesehen, geschweige denn auf einem Vulkan.
Wenn ich mir jetzt die Erde vorstelle, die sich ja bekanntlich wie jenes Kirmesgerät dreht, dann müsste doch die Zentrifugalkraft dafür sorgen, dass die Leute auf der sonnenabgewandten Seite des Planeten vom Mittelpunkt der Drehung weggedrückt würden. Zentrifuge und Gravitation müssten sich dann in Abwesenheit der Sonne gegenseitig aufheben. Einfacher gesagt: Nachts müssten wir alle fliegen.
Und wirklich: Am ersten Januar fühlt sich mein Kopf so an, als wäre ich nach einem langen, schwerelosen Flug unsanft gelandet.
Und dann sind da halt diese Fragen drin in der brummenden Birne. Warum beginnen wir das Jahr nicht am 23.5.? Da habe ich morgens nie Kopfschmerzen. Vielleicht liegt das daran, dass die Nächte im Frühsommer kürzer sind und ich nicht so hoch fliegen kann.
Der Großteil des Januars liegt ja im Dunkeln, das Krähen der Hähne geht nahtlos ins Gähnen der Hennen über. Denn die Sonne linst eben nur kurz über den Tellerrand des Horizonts. Sorry, Galilei, ich meinte: Wir streifen beim Drehen nur kurz den Lichtkegel.

Sparfüchse sind Rudeltiere
In Zeiten steigender Strompreise führen die langen Nächte zu erstaunlichem Verhalten. Jene, die nicht fliegen wollen, sondern lieber lesen, werden anscheinend besonders erfinderisch.
Im „Ingelheimer Kurier“ stolperte ich über die Geschichte eines älteren Mannes, der der Polizei aufgefallen war, weil er in der Fußgängerzone vor einem Schaufenster saß. Er gab an, im Licht des Schaufensters seine Zeitung lesen zu wollen, um Strom zu sparen.
Wir können alle von ihm lernen, Energie und Rohstoffe zu sparen, indem man das nimmt, was ohnehin schon da ist. So könnte man z. B. den „Breakdance“ nutzen, um frische Magenschmerzen zuzubereiten oder, statt zu heizen, in einen Vulkan springen.
Was man allerdings nicht im Park, sondern weiterhin im Fitnessstudio auf dem Laufband machen sollte, ist grillen.
Wobei im Januar grillen auch nicht so töfte ist. Bleibt doch lieber drinnen und spart eure Reserven, bis wir wieder im Lichtkegel sind. Ich persönliche spare übrigens Energie, indem ich nicht durchdrehe, sondern die Welt das übernehmen lasse.

Sebastian 23
Foto: M. Stich
Sebastian 23, in den 80ern von 2 Fernsehern großgezogen, in Freiburg Philosophie studiert, reiht in Bochum berufsmäßig Buchstaben aneinander und lebt in seiner Freizeit. Hält sich gern in der Nähe von Fernverkehrszügen auf und war schon mal im Fernseher und im Keller.

Sebastian 23

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