Jelke Nordalm
Foto: privat

„Wir treiben das Spektakel noch etwas weiter“

30. September 2026

Regisseurin Jenke Nordalm über „Was ihr wollt“ an der Oper Wuppertal – Premiere 10/26

Shakespeares Komödie, ein Wirrwarr aus falschen Identitäten und wechselnden Geschlechtern, ist nach über 400 Jahren immer noch aktuell. Jenke Nordalm inszeniert sie als ein Lehrstück über das, was Menschen glauben, was ihnen zusteht.

engels: Frau Nordalm, Shakespeare hat das Stück um 1600 wohl geschrieben, hätte er eigentlich bei dem Thema nicht gendern müssen?

Jenke Nordalm: (lacht) Das Schöne ist, dass es sich natürlich für den aktuellen Diskurs anbietet, aber man muss wissen, dass ja damals die weiblichen Rollen auch von männlichen Darstellern besetzt wurden, das heißt es war ja schon alles oben auf der Bühne ein totales Durcheinander. Deshalb führen wir dieses Durcheinander auch fröhlich fort und haben nicht genderspezifisch, sondern typenmäßig besetzt. Wir treiben das Spektakel also noch etwas weiter, als es Shakespeare bereits getan hat.

Aber warum steht das auf dem Spielplan, ist das so ein LGBTQ-Boulevardstück geworden?

Es steht immer in Zeiten auf dem Spielplan, in denen die Frage sehr aktuell ist, wie liebe ich, wen liebe ich und warum liebe ich. Ich würde das jetzt gar nicht auf bestimmte Communities beschränken wollen, es geht einfach bei diesem Menschenkenner Shakespeare darum, wie ich falsch liebe oder eben richtig und wann ich einfach nur verblendet bin. Vielleicht liebe ich nicht, sondern begehre nur, all diese Thematiken behandelt dieses Stück und deshalb ist es so beliebt und wird häufig gespielt.

Wenn gegendert würde, wäre es aber auch nicht mehr spielbar…

Theater ist dreidimensional und wir zeigen eher was es bedeutet, mit Identitäten zu spielen, als dass wir da auf der Ebene der Sprache kämpfen.

„Alles Themen, die so alt sind wie die Menschheit selbst“

Zu Shakespeares Zeiten wurden die Frauenrollen von jungen Männern oder Knaben gespielt, das ist heute nicht mehr so, oder?

Nein bei uns ist das nicht so. Natürlich gibt es manchmal Aufführungen, die das absichtlich traditionell so machen, bei uns ist aber tatsächlich alles durcheinander. Insofern dreht es sich nicht mehr darum, welches Geschlecht spielt welches Geschlecht, sondern eher darum, wie sich Männerstereotypen oder Frauenstereotypen äußern. Ist es nicht eher eine lustvoller Zerrspiegel, wenn eine Frau den Rüpel spielt und uns einmal auf diese Weise einen Rüpel vorführt. Im Moment finde ich es auf Bühnen eher unangenehm, wenn Männer männliche Stereotypen bedienen. Wir wollen das zusammen mit dem Publikum alles noch einmal komödiantisch untersuchen und vorführen.

Was soll das Stück den Zuschauer:innen nach über 400 Jahren heute sagen, nur dass Liebe blind macht und biologische Geschlechtergrenzen dabei Quatsch sind?

Es ist ja nicht alles Quatsch. Es geht um Freiheit, es ist die Twelfth Night, so steht es im Untertitel und das ist ja die Nacht, in der alles verrückt wird, die Wahrnehmung und auch Oben und Unten. Natürlich geht es immer noch dazu um Standesdünkel, Vorurteile und um Selbstverblendung. Alles Themen, die so alt sind wie die Menschheit selbst, niemand würde sagen, die antiken Stücke sind nicht mehr spielbar. Stücke, die eine moralische, ethische oder auch poetische Aussage haben, sind immer von Relevanz. Insofern ist Shakespeares Stück „Was ihr wollt“ nach wie vor aktuell, er macht sich ja selbst schon über bestimmte Zuschreibungen lustig und ist immer unterhaltend. Das reizt mich an Shakespeare Stücken immer wieder.

„Es geht schon sehr viel um Übergriffigkeiten in diesem Stück“

Aber ist es nicht auch ein Lehrstück über Machtstrukturen?

Es ist ein Lehrstück über das, was Menschen glauben, was ihnen zusteht. Das betrifft ja wirklich alle Figuren. Die liebenswerten Personen sind ja eigentlich die Leisetreter - die, die begehren und denken, dass sie ein Recht auf einen anderen Menschen haben, das sind die Lauten. Insofern geht es schon sehr viel um Übergriffigkeiten in diesem Stück. Aber in der Twelfth Night schlagen natürlich alle über die Stränge. Am Anfang finden alle es lustig, aber am Ende, beispielsweise beiMalvolio, bleibt das Lachen dann doch im Hals stecken.

Wird das Verhältnis Antonio und Sebastian eine besondere Rolle spielen?

Das spielt bei uns leider keine Rolle. Weil das Wuppertaler Ensemble nicht soo groß ist haben wir die Kapitäne gestrichen. Aber es ist ein spannendes Thema.

Das Stück spielt im Opernhaus, heißt das opulentes Bühnenbild und ausufernde Kostüme?

Ja. Dafür zeichnet wieder Vesna Hiltmann verantwortlich und sie ist ja durchaus jemand, die eine große Freude daran hat, die große Bühne und auch die Kostüme der Spieler:innen opulent auszustatten. Insofern wird das eine bunte lustvolle, aber auch schräge Kostümierung. Es gibt auch einen Hofstaat und so müssen viele Spieler:innen immer wieder in unterschiedliche Figuren und Kleider schlüpfen.

„Eine Lösung, die Kunst und Kultur schützt“

Aber es wird nicht gesungen in der Oper…

Es wird schon gesungen, es wird geträllert und gesäuselt. Der Narr ist ja schon eingeschrieben als Lautenschläger und der wird auf jeden Fall den Abend musikalisch führen.

Letzte Frage: Ich habe gesehen, dass auch Schulvorstellungen geplant sind. Das wäre nach jetzigem Sachstand in Sachsen-Anhalt ja wohl nicht mehr möglich?

Das sehen wir natürlich alle mit Sorge. Ich bin gespannt wie die Entwicklung da weitergeht. Ich hoffe sehr, dass es noch eine Lösung gibt, die Kunst und Kultur schützt. Wir sind natürlich selber gefragt, man kann nicht davon ausgehen, dass uns andere schützen. Wir können uns natürlich nur solange aufbäumen, wie wir die Möglichkeiten dazu haben und das tun wir: laut und offensiv.

Was ihr wollt | Sa 14.11. 19.30 Uhr (P), 15.11., 22.11., 4.12. | Oper Wuppertal | 0202 563 76 66

Interview: Peter Ortmann

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