Foto (Ausschnit): Marcus Höhn / Piper Verlag

Glück und Unglück

02. Februar 2026

„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26

Alma, Gabriele, Isabell und Marie: Judith Hoersch erzählt in diesem Roman von vier Frauen – Müttern und Töchtern – und folgt ihnen in verschiedenen Zeitabschnitten durch Berlin, die Eifel und weitere Schauplätze. Zunächst ist nicht klar, wie die Figuren zusammenhängen, doch nach und nach kreuzen sich ihre Wege. Gabriele kehrt nach einer langen Zeit in Berlin in ihre Heimat Mayen in der Eifel zurück. Sie hat ihre kleine Tochter Alma bei sich, Vater unbekannt. In Berlin hat Gabriele als Kinderkrankenschwester gearbeitet, hier steigt sie in die elterliche Bäckerei ein. Sie braucht Unterstützung und einen Neuanfang. Während sie selbst sich in ihre neue Rolle und ihre alte Heimat einfindet, merkt sie, dass sie hier in den Augen vieler noch das Nachbarskind ist und zugleich als die Mutter wahrgenommen wird, zu der sie selbst sich noch entwickeln muss. Marie hingegen lebt in Berlin, streift durch Clubs und wird einige Jahre später Mutter von Isabell. Ihre Ehe allerdings ist nicht glücklich und Isabells Vater wird auch später oft durch Abwesenheit glänzen.

Alma und Isabell wachsen ganz anders auf und haben doch viel gemeinsam: Beide sind Wunschkinder, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Ihre Väter sind keine zentralen Figuren in ihrem Leben. Der Roman konzentriert sich auf Spielarten von Mutterschaft – was genau macht sie aus, wo beginnt Mutterliebe? Und bleibt Mutter, wer sein Kind weggibt? Die Erzählung handelt vom Glück, Mutter zu werden, vom Unglück, nicht Mutter werden zu können und vom Unglück, ungewollt Mutter zu werden. In all dem, was die Figurenkonstellation dabei abgedeckt, könnte die Geschichte konstruiert wirken. Dank empathischen und feinen Beobachtungen aber liest sie sich nicht so. Die Figuren, allen voran Gabrieles Eltern mit ihrem Mayener Platt, sind sehr lebhaft geschildert. Zudem profitiert die Geschichte davon, dass Hoersch in den Schilderungen rund um die Bäckerei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Auch auf der Beziehungsebene erzählt die Autorin glaubhaft, wie die Figuren sich bemühen, das Richtige zu tun. Unwillentlich geben sie dabei ihren Kindern schwere Päckchen mit, während sie selbst Jahrzehnte unter ihrem Schweigen leiden.

Judith Hoersch: Niemands Töchter | Dt. Originalausgabe | Piper | 384 S. | 24 Euro

Melanie Schippling

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