Nur die Harten …

29. August 2013

Wortwahl 09/13

Ölbaumhaine und Orangenplantagen. Verwitterte Treppenwege, staubige Pisten, flirrende Hitze und Wasser aus einem Brunnen am Wegesrand. Zerklüftete Felsausläufer, die sich ins Meer stürzen, eine Vegetation wie aus Winnetou und immer wieder Steinmänner, die die Richtung weisen; raus aus der Zivilisation, rein in den Garten Eden. Einfach mal wandern, abschalten, zumindest ein kleines Stück vom Paradies erhaschen, in der mittleren Tramuntana Mallorcas mit ihren atemberaubenden Ausblicken. Aber Pustekuchen: Im Hinterkopf spukt nichts als die Arbeit.

Auf dem Abstieg vom Mirador de ses Barques taucht zwischen Macchie und Baumwipfeln einladend die Finca Bàlitx d'Avall auf – und ich muss unweigerlich an eine unzweideutige Aufforderung an einem Gasthof in Jess Jochimsens fotografischer Reise durchs deutsche Hinterland denken: „Iss bei mir, sonst werden wir beide verhungern!“ So niedlich kann Sarkasmus sein. Seite für Seite, Foto für Foto, Anekdote für Anekdote mit einem bittersüßen Lächeln dem Abgrund entgegen: „Liebespaare, bitte hier küssen!“ (dtv). / Es folgt der Aufstieg zum Coll de Biniamar: Nichts Heftiges. Im Gegenteil. Fast schwelge ich in mythischen Zeiten, als Götter und Menschen noch einander frönten. Doch kaum biege ich in einen holprig-steinigen Camí, werde ich von einem wildgewordenen Quad-Fahrer weggeblasen. Meine Verwünschungen erinnern an Laura Gustafssons „Hure“ (Heyne), eine irrwitzig-splattrige Abrechnung mit männlichen Unterdrückern und Vergewaltigern à la Virginie Despentes, bei der nicht zuletzt eine entfesselte Aphrodite eine entscheidende Rolle spielt. / Manchmal muss der Frust einfach raus. Auf dem Teilstück rund 200 Meter oberhalb der Felsküste, mit Blick auf das schillernd daliegende Meer, fühle ich mich jedenfalls ziemlich befreit. Mir kommt Danielle de Picciottos Graphic Diary „We are Gypsies now“ (Metrolit) in den Sinn. Die US-amerikanische Multimediakünstlerin und ihr Mann Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) haben's getan, einfach ihre Zelte abgebrochen und sich für 18 Monate auf den Weg ins Ungewisse gemacht, auf die Suche nach einer persönlichen Heimat. Herausgekommen ist ein (auch künstlerisch) betörend schlichtes und zugleich empathisch ergreifendes Dokument, das aus der Seele spricht. Es muss doch irgendein Entkommen aus dem Hamsterrad geben?! / Aber wenn ich mir die Sommerhausansiedlung an der eigentlich malerischen Cala Tuent angucke, kommen mir ernsthafte Zweifel. Ein Hamsterrad braucht keine Käfigtür. Der Mensch zwängt sich freiwillig in das Korsett aus übergestülpten Begehrlichkeiten – und drückt es gleich noch seinen Kindern aufs Auge. In verschärfter Form. Schließlich werden die Zeiten immer härter und das Reich(er)werden immer schwerer. Also muss mit aller Macht die beste, nein, die allerbeste Ausbildung her. Und sei es „nur“ – wie in Rob Alefs grotesk-realer Krimisatire – einer der heißbegehrten Plätze auf dem nächstgelegenen Gymnasium. Und sich dann wundern, wenn bei der kongenialen Mischung aus Verhätschelung und Leistungsanspruch lauter „Kleine Biester“ (Unionsverlag) wie gedopte Ameisen Arbeitsamok laufen …

Apropos laufen: Nach dem Kiesstrand folgt ein sengend-heißer Asphaltaufstieg, auf dem sich meine Wasservorräte in nichts auflösen. Hätt ich mich doch am Kiosk in die Schlange gestellt. Aber dafür war ich mir ja zu independent. Jetzt trieft mir der Stolz aus jeder Pore. Eine Dreiviertelstunde. Immer schön den Coll de Sant Llorenç hinauf. Mir hängt die Zunge aus dem Hals. Ich suche Schatten an der gleichnamigen Kapelle. Dabei hat mich Dietrich Höllhuber in seinem angenehm unprätentiösen Wanderführer „Mallorca“ (Michael Müller) gewarnt. Aber ich? Wanderführer, na klar, sind doch für fußlahme Greise gedacht. Ein austrainierter Raucher wie unsereiner nimmt am nächsten Morgen auch noch die Schlucht des Torrent de Pareis in Angriff; und zwar bergauf. So denn, zumindest das eigentliche Ziel ist erreicht: Der Kopf ist frei, und am Ende des Tages wartet ja noch die traumhafte Bucht von Sa Calobra.

LARS ALBAT

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