Der Ruhrschnellweg war noch eine Großbaustelle, deren vierspurige Asphaltschneise sich bereits durch eine urbane Gleichzeitigkeit zog: Neben den durch Abrissbirnen verursachten Trümmerfeldern erheben sich die ersten Hochhäuser. Während die Kumpel bereits Zechenschließungen und Stahlkrise beklagen, gehen in Bochum klotzige Opel Kadetts über die Fließbänder. Sabine Hofmann versetzt die Leser:innen mit „Weiße Westen, schwarze Nächte“ direkt hinein in diese Ruhrgebietskulisse der Postwirtschaftswunderjahre im Sommer 1966. Im Mittelpunkt ihres Kriminalromans steht Hedy Voss, die sich um die psychiatrische Behandlung ihrer Schwester Elsa bemüht. Den beiden Kriegswaisen fehlt in der westdeutschen Wohlstandsgesellschaft allerdings das nötige Kleingeld, um die Therapie zu bezahlen. Also geht Hedy in ihrem abgetragenen Mantel und billigen Schuhen auf Diebeszüge in den Nobelvierteln des Essener Südens.
Nach „Trümmerland“, „Totenwinter“ und „Kopfgeld“ veröffentlicht Hofmann bereits den vierten Kriminalroman, der im Ruhrgebiet spielt. Während die Vorgängerbücher der in Bochum geborenen Schriftstellerin in den Nachkriegswirren verortet sind, spielt ihre Neuerscheinung in der sozialen Kälte der Bonner Republik und im Konflikt um den Eisernen Vorhang zwischen BRD und DDR. So ist Hedy nach ihren Kunstdiebstählen nicht nur der Polizeikommissar Wittkamp auf den Fersen: Als sie heikle Informationen entdeckt und zu Geld machen will, ruft das die Geheimdienste der beiden deutschen Staaten auf den Plan.
Erneut gelingt es der Linguistin Sabine Hofmann, die gesellschaftlichen Hintergründe und die ruhrgebietsgeschichtlichen Fußnoten in den Plot zu verweben: von der Grabverlegung der Krupps bis zu den Starfighter-Jets, die vom Himmel stürzen. Gleichzeitig erinnert „Weiße Westen, schwarze Nächte“ streckenweise an die Spionageromane des britischen Schriftstellers John le Carré. Gerade für Krimi-Fans mit Interesse an (lokaler) Geschichte dürfte der Roman von Interesse sein.
Sabine Hofmann: Weiße Westen, schwarze Nächte | Aufbau Verlag | 351 S. | 13 Euro
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