Bücher sind Stimmen. Sie wollen nicht nur zu ihren Lesern sprechen, sondern sie wollen auch, dass manüber sie spricht. Zu diesem Zweck gibt es die Literaturkritik, aber die bleibt immer medial vermittelt. Dagegen ist das Gespräch unter Lesern konkreter, die Tipps, die man sich gegenseitig zusteckt, bleiben in der Erinnerung haften. Interessant ist auch das Gespräch mit Schriftstellern über ihre Arbeit und ihre literarischen Vorlieben. Außerdem wissen Autoren oft besser über das Bescheid, was ihre Kollegen schreiben, als die Lektoren vom Verlag.
„Buchhandlung Praxis“ nennt der Verlag Antje Kunstmann jetzt sein etwas anderes Kommunikationsangebot, das vor wenigen Tagen in unmittelbarer Nähe des Münchner Hauptbahnhofs in einem ehemaligen Briefmarkenladen eröffnet wurde. Die erste Veranstaltung gehörte Kristof Magnusson und seinem „Arztroman“. „Der Abend ist total gut angekommen“, erklärt Andreas Schäfler, Pressechef von Kunstmann. „Es sind viele Kollegen und Autoren aus anderen Verlagen zu uns hingepilgert. Und wir wollen auch noch so manche Warteschlange in der Passage vor dem kleinen Laden bis Weihnachten produzieren“, gesteht er schmunzelnd. Das dürfte ihm nicht schwerfallen, etwa mit Signierstunden von Axel Hacke, dem humoristischen Alleskönner, der zur exquisiten Backlist des Verlags gehört. Auf der wird auch die Illustratorin der Wimmelbücher – Rotraut Susanne Berner – geführt, die jedem Kind, das in die Praxis kommt, eine kleine Geschichte erzählen will.
Geöffnet wird zwischen 17 und 20 Uhr, jene Zeit, in der die Menschen von der Arbeit kommen. Autoren dürfen dann auch schon einmal Buchhändler spielen. Dass es „Eifersüchteleien“ auf Seiten der gelernten Buchhändler geben könnte, befürchtet man bei Antje Kunstmann nicht. Zunächst hat man den 11 qm kleinen Laden in der Schützenpassage drei Monate, also bis Weihnachten angemietet. Der Verlag braucht Außendarstellung, die er in der Landschaft der Frontalpräsentationen, wie sie die Buchhandelsriesen zelebrieren, nicht bekommen kann. Die „Praxis“ soll den kleinen Verlagen, wie zum Beispiel Matthes & Seitz, einen Auftritt ermöglichen. Solche Verlage geben dem Buchmarkt in Deutschland seine einzigartige Qualität. Auch im Netz werden diese Häuser aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gedrängt. Mit einem unerwarteten Umfeld für das Buch schärft man aber die Aufmerksamkeit für besondere Titel. In der Masse der Bücher braucht es Orte, an denen nicht das Gesetz der hohen Auflage regiert, sondern wieder entdeckt werden kann, dass die besten Titel neben dem Mainstream verlegt werden.
Die Praxis könnte dabei wie eine Spielwiese funktionieren oder wie jene coolen Plattenläden, die es heute nicht mehr gibt, in die man aber früher ging, ohne so recht zu wissen, was man kaufen wollte, weil man einfach darauf vertraute, andere Musikfans zu treffen, die einen auf ihre Favoriten aufmerksam machten.
Derartige „Sprechstunden“ wären auch reizvolle Angebote für Städte wie Köln, Düsseldorf, Dortmund oder Essen, in denen die Literatur solche Stationen des Austauschs von Gedanken, Meinungen und Geschmäckern befeuern könnte. Nachdem sich das Internet etabliert hat, wuchs das Bedürfnis nach lebendigem Austausch unter den Lesern unablässig, wie die großen Literaturfestivals zeigen. Noch deutlicher als die Verlage sind die Buchhandlungen gefordert, mit „Sprechstunden“ ihre Kunden zu kleinen Gemeinden des Austauschs zu verschmelzen.
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