Ralf Budde
Foto: Meinhard Koke

„Jeder hat sein eigenes Kunstverständnis“

29. August 2026

TiC-Regisseur Ralf Budde über Yasmina Rezas „Kunst“ am Wuppertaler Schauspiel – Premiere 09/26

In ihrem weltweit erfolgreichen Stück „Kunst“ verwickelt Yasmina Reza drei Freunde in einen Streit über ein Gemälde, der unausgesprochene Konflikte offenlegt und die Freundschaft auf die Probe stellt. Die Aufführung in Wuppertal ist eine Kooperation zwischen dem Schauspiel Wuppertal und dem TiC-Theater, das sein 40-jähriges Bestehen feiert. Ralf Budde über Komik, falsche Lacher und darüber, fremde Meinungen auszuhalten.

engels: Herr Budde, Yasmina Rezas Stück „Kunst“ stammt aus den frühen 1990er-Jahren. In der heutigen Gesellschaft würden sicher immer mehr Menschen die ablehnenden Ansichten über das teure weiße Bild teilen, oder?

Ralf Budde: Ich weiß nicht, ob das die Menschen heute noch teilen oder eine Mehrheit das teilen würde. Das Stück ist jetzt fast genau 30 Jahre alt und war eigentlich der erste ganz große Erfolg von Yasmina Reza. Und das Stück ist, als es rauskam, überall gespielt worden. Es lief landauf, landab an jedem Theater. Für dieses besondere Projekt am Schauspiel Wuppertal, welches wir jetzt im Oktober machen, haben wir uns dieses Stück ausgesucht, weil wir irgendwie merken, dass die dort verhandelte Thematik wieder aktuell ist, aber auch noch um eine wichtige Nuance, besser um einen gewissen Aspekt bereichert wird. Nämlich eine Frage, die vor 30 Jahren noch nicht so im Fokus stand: Inwieweit bin ich überhaupt bereit, andere Meinungen auszuhalten und zu akzeptieren? Ich glaube, das ist in der heutigen, durch die sozialen Medien geprägte Diskussionskultur ein ganz wichtiger Zusatzaspekt, der mit hineinspielt und es macht die Geschichte aus der heutigen Sicht noch mal doppelt spannend. Aber auch was es uns sonst noch zu sagen hat, vielleicht mehr als vor 30 Jahren.

Dazu müsste man dann aber vielleicht die Prämisse setzen, dass Kunst objektiv bewertbar ist?

Das ist ja eben genau die Frage und deren Antwort das Stück dann gibt oder beziehungsweise auch nicht gibt und die dann jeder für sich entscheiden muss: Wie bewerte ich? Wie bewerte ich Kunst und was tue ich, wenn vielleicht mein Freund, wie im Stück, ein Kunstwerk ganz anders bewertet, als ich das tue?

Auch eine richtige Komödie ist das Stück eigentlich nicht, oder?

Auf keinen Fall ist es eine reine Komödie. Es hat natürlich komische Episoden oder Momente. Die liegen allerdings vielleicht eher im Bereich eines Woody Allen. Also Komik, die allein durch groteske und überspitzte Situationen entsteht. Das ganze Stück ist natürlich eine Versuchsanordnung, deshalb glaube ich, dass die ganzen Charaktere keinen wirklichen Anspruch auf echte Echtheit erheben. Aber die Frage über allem heißt eigentlich „Was wäre, wenn?“, und unter diesem Gesichtspunkt ist dieses Stück von Reza aufgesetzt.

Ich komme noch mal auf die Kunst zurück. Ist es nicht so, dass jeder falsche Lacher die Kunstliebhaber immer mitten ins Herz trifft?

Das ist eine sehr interessante Frage. Jetzt stellt sich aber die Anschlussfrage: Was wäre denn ein falscher Lacher? Auch das macht dieses Stück wirklich faszinierend, und davon versprechen wir uns auch viel in der Aufführung, dass jeder natürlich sein eigenes Verständnis hat. Und das Betrachten des Stückes führt zwangsläufig dazu, dass man sich selber befragt: Wie würde ich mich verhalten?

Kann man das steuern?

Das ist etwas, was sofort und automatisch passiert. Dem kann man sich nicht entziehen und das bleibt ein genialer Schachzug dieses Stückes. Ich muss gar nichts vorher lesen, ich muss mich auch nicht über Kunst bilden. Ich muss nicht mal in einen Theaterführer gucken. Ich gehe einfach rein und werde sofort mit reingezogen, weil ich das eine oder das andere nachvollziehen kann oder eben auch nicht. Und da kann es auch sein, dass die Zuschauerin und vielleicht ihr Ehemann verschiedene Ansichten haben.

Viel Platz braucht das Stück auf der Bühne auch nicht, oder?

Überhaupt nicht. Das Besondere an dieser ganzen Produktion ist, dass es sich um eine Kooperation zwischen dem Schauspiel der Wuppertaler Bühnen und einem Theater der freien Szene handelt. Und es wird dann in beiden Spielstätten gezeigt, einmal im Theater am Engelsgarten und danach Anfang nächsten Jahres im TiC – Theater in Cronenberg. Das ist sehr klein, ein sogenanntes Wohnzimmertheater. Aber das ist ein Stück, das sowieso auf einer kleinen Bühne zu Hause ist und natürlich vor allem durch die Dialoge lebt und nicht über ein Bühnenbild.

Und es lebt von den drei Schauspielern?

Absolut. Und das ist ja jetzt auch so ein bisschen der Clou an dieser Koproduktion. Es spielen mit Andreas Mucke ein langjähriges Ensemblemitglied des TiC und zwei Schauspieler von den Wuppertaler Bühnen, nämlich Thomas Braus und Alexander Peiler. Und Andreas Mucke war vor einigen Jahren auch für vier Jahre Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal, und das gibt dem Ganzen auch eine gewisse lokale Note, wenn ein Ex-Oberbürgermeister und der Schauspielintendant [Thomas Braus; d. Red.] in ihren Rollen über die Kunst reden.

Das Von-der-Heydt-Museum wird sicher auch genau draufschauen?

Ja, vielleicht kaufen die sich dann auch ein weißes Bild.

Unterscheidet sich das Inszenieren im Wuppertaler Engelsgarten gegenüber dem freien Theater?

Nein. Das TiC ist ein sogenanntes semiprofessionelles Theater, was sozusagen durch Profis geleitet wird, aber eben nicht-professionelle Amateure auf der Bühne als Schauspieler hat, und da ist die Arbeitsweise nahezu identisch. Aber natürlich sind das andere Welten. Ja, wir haben als freies Theater – ich bin ja dort auch Geschäftsführer – viel weniger Personal, viel weniger Geld, viel weniger alles. Zwar schwimmt das Schauspiel auch nicht im Geld, aber da gibt es natürlich eine ganz andere Infrastruktur. Aber das ist ein spannendes Projekt und auch ein Projekt, was es in dieser Form in der Stadt Wuppertal so auch noch nicht gegeben hat.

Ich hatte auch an die technischen Möglichkeiten gedacht.

Die fallen ja bei diesem Stück im Grunde weg. Ich habe eine Bühne, es gibt ja keine Umbauten, kein Nichts. Insofern ist es ein einfaches Bühnenbild, das auch in beiden Theatern funktionieren muss.

Letzte Frage: Wer malt das weiße Bild – ist es nur eine leere Leinwand?

Ja, das ist die zentrale Frage. Vielleicht ist es ja auch ein weißes Bild mit feinen weißen Querstreifen.

Kunst | 2. (P), 9., 11. (18 Uhr), 15., 31.10., 3.4., 29., 30.5., 10.7. 2027 19.30 Uhr (außer 11.10.) | Theater am Engelsgarten, Wuppertal | Info: 0202 56 37 666

Interview: Peter Ortmann

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