An der prominenten Stelle im Skulpturenpark befinden sich diesmal drei Figuren. Leicht überlebensgroß in Bronze, stehen sie nebeneinander vor dem Pavillon von Lynn Chadwick. Ihr Titel könnte nicht anders lauten: „Wächter“. Auf Stelzen, welche den quer gesetzten Korpus halten, vermitteln sie resolute Behauptung, aber auch Fragilität. Sie scheinen von einem Panzer umgeben, welcher mittels langgezogener Grate geometrisch angelegt ist. Als Schweißnähte konturieren sie die Figuren und lassen vielleicht noch an ein (Knochen-) Gerüst denken. Auch das Haupt ist kantig abstrahiert. Aber die wesenhaften Gestalten besitzen Charakter, sie artikulieren Selbstbewusstheit, und natürlich umqueren wir sie, staunend darüber, wie viel Vitalität sie ausstrahlen und wie differenziert sie im Detail gestaltet sind.
Man könnte Chadwicks Skulpturen, auch denen, die sich im Pavillon befinden, eine mangelnde Attraktivität der Rückseite vorwerfen. Aber wenn es um die Organisation ihrer Teile geht, also darum, wie sie gebaut sind, dass sie sich aufrecht halten und als Paare oder Dreier-Gruppen in einen Dialog treten, dann werden wir bereits mit einer Vielzahl überraschender Ideen entlohnt. Chadwicks Bronzeplastiken, die im Skulpturenpark Waldfrieden aus den 1950er und 1960er Jahren stammen, verbinden expressive mit konstruktiven Motiven zur Vorstellung von Figur und sprechen dabei die mentale Befindlichkeit des Menschen an. Dabei ist jede Skulptur anders. In ihren Partien sozusagen in mehreren Stufen übereinander gestapelt, wirken sie als futuristische Wohnhäuser oder Radarstationen, die Kontakt zum Himmel aufnehmen, sie schreiten auf ihren Stelzen wie Spinnen aus und scheinen sich mitunter im Wind zu wiegen.
Lynn Chadwick (1914-2003) gehört in England der Bildhauergeneration nach Henry Moore und vor Anthony Caro an, welche die menschliche Figur in ihrer Ganzheit zeigt. Gemeinsam mit Kollegen wie Kenneth Armitage und Reg Butler reagiert er indirekt auf die Erfahrung des Weltkrieges mit der Fragestellung, was das Wesen des Menschen ausmacht. Die Flächen der Skulpturen sind überwiegend rauh, unruhig im Sinne der informellen Skulptur, und doch steht der Mensch als widerständiges Wesen außer Frage. Chadwick ist als Künstler Autodidakt. Im Anschluss an (gegenstandsfreie) Mobile entwickelt er seit den frühen 1950er Jahren seine Stilisierungen von Menschen und Tieren, die vom Boden aufwachsen. 1956 erhält er damit den Goldenen Löwen der Biennale Venedig; dreimal wird er zur documenta eingeladen: Fortan ist er in der Kunstwelt etabliert.
Das Spannende seiner Skulpturen ist ihre eindeutige Zuordbarkeit, bei gleichzeitiger Vielschichtigkeit in der Ausdifferenzierung. Dazu trägt die Patinierung der Bronzen bei. So erreicht Chadwick Sandfarben, die an die faltige Haut von Reptilien und mitunter an Trümmerfelder erinnern. Die Skulpturen sind kreatürlich, ausdrucksstark und tragen die Ahnung von Vergänglichkeit in sich. Die Oberflächen können glatt, aber mit ihren Graten auch ornamental strukturiert sein. Sie wirken dabei – auf Sockeln – wie Modelle oder sind in genauer Proportionierung überlebensgroß: Vorgehensweisen, die auch die Holzskulpturen des so anderen figurativen Bildhauers Stephan Balkenhol kennzeichnen, der im Skulpturenpark Waldfrieden ebenfalls schon ausgestellt hat.
Mit Lynn Chadwick präsentiert Tony Cragg aber auch – nach William Tucker – einen weiteren Helden der britischen Bildhauerei, der ihn als jungen Künstler in England fasziniert hat. Spannend: Wenn wir die von Cragg insgesamt kuratierten Ausstellungen überschauen, erfahren wir ziemlich viel von seinem eigenen skulpturalen Ansatz und davon, wie wichtig der Mensch und die Erscheinungen der Natur in seiner Arbeit sind. Das gilt auch für die so autarken und stolzen Wesen von Lynn Chadwick.
Lynn Chadwick | bis 18.10. | Skulpturenpark Waldfrieden | 47 89 81 20
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