Sozialer Zerfall ist moralisch falsch und gefährdet den Frieden, stellt Christian Woltering fest
Foto: Frank Sonnenberg

Der Kitt einer Gesellschaft

27. November 2025

Teil 1: Lokale Initiativen – Der Landesverband des Paritätischen in Wuppertal

„Zusammenhalt und Solidarität sind unsere einzige Chance, ohne geht es nicht“, sagt Christian Woltering, einer der beiden Vorstände des Paritätischen NRW. Der Verband unterstützt über 3.100 gemeinnützige Mitgliedsorganisationen in NRW. Er ist kein „Superträger“, der selbst Einrichtungen besitzt und lenkt, sondern in erster Linie Dienstleister, Berater, Netzwerkpartner – und politische Interessenvertretung. Beim Paritätischen versteht man sich als „Lobbyisten fürs Soziale“, fasst Christian Woltering zusammen.

Die Risse sind längst da. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, so Woltering, „der sieht es überall“. Die Armut steigt – und nicht nur die Altersarmut. Jugendhilfestellen werden gestrichen, Kinderbetreuung ist vielerorts nicht mehr solide finanzierbar, Pflege wird zur Zumutung. Die unteren Einkommensgruppen rutschen ab, und in die Mitte fressen sich Verlustängste. Gleichzeitig verteidigen Eliten ihre Vermögen wie Festungen. „Das darf in einem so reichen Land nicht sein“, stellt Woltering fest – nicht nur moralisch, sondern faktisch: als Gefahr für den sozialen Frieden.

Soziale Risse überall

Der Paritätische setzt drei Hebel an. Der erste Hebel ist die Praxis, die alltägliche soziale Infrastruktur: Seniorentreffs, Tafeln, Beratungsangebote, Treffpunkte, Jugendprojekte, Orte, an denen Menschen sich begegnen, Unterstützung erfahren, die Solidarität erlebbar machen. „Die Träger der sozialen Einrichtungen und ihre Mitarbeitenden sind der Kitt, der die Risse in der Gesellschaft zusammenhält“, so Christian Woltering. Er setzt auf Bildung, Qualifikation, Weiterentwicklung, betont aber: Bildung entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn Strukturen existieren, die sie belohnen. Wenn Qualifizierung zu Stellen führt, die sicher sind, gerecht bezahlt und würdige Arbeitsbedingungen bieten.

Der zweite Hebel setzt bei der Politik an, etwa am Landtag. 2023 und 2024 hat der Verband in der Düsseldorf Demonstrationen veranstaltet. Mehr als 25.000 bzw. über 32.000 Menschen hatten sich versammelt, um auf die prekären Arbeitsverhältnisse im sozialen Bereich hinzuweisen.

Gegenöffentlichkeit schaffen

Der dritte, der stärkste Hebel ist: die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Denn wenn soziale Ausgrenzung normalisiert wird, wenn Härte, Kürzung und Misstrauen als Pragmatismus verkauft werden, wenn Arbeitslose oder Aufstocker zu Sündenböcken werden, dann muss man etwas entgegensetzen, das nicht spaltet, sondern erklärt, einordnet und erdet. Der Paritätische will eine Gegenöffentlichkeit schaffen. Die klassische Pressearbeit gehört dazu, zunehmend auch social media.

Altersarmut ist ein Brennglas. Sie zeigt, wohin es führt, wenn eine Gesellschaft soziale Sicherheit zunehmend zur Privatsache erklärt. „Grundsicherung im Alter muss ein lebenswürdiger Standard sein. Sonst riskieren wir das Vertrauen in den Sozialstaat.“

Griffig formuliert Christian Woltering: „Solidarität ist kein Nostalgiebegriff. Solidarität ist ein Zukunftsbegriff.“ Dann wendet er sich mit einem Appell an die Leserinnen und Leser: „Engagiert euch!“ Damit gute Geschichten aus und über Solidarität entstehen.

Marek Firlej

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