
Man muss schon wissen, wonach man sucht: Das Gelände des ehemaligen NS-Arbeitslagers auf der Bergener Straße liegt mitten in einem Wohngebiet an der Stadtgrenze zu Herne. Wer nichts von den Baracken ahnt, in denen während des Zweiten Weltkriegs vor allem osteuropäische Zwangsarbeiter:innen der Zeche Constantin lebten, läuft schnell daran vorbei.
Susanne Wycisk ist einer der Menschen, die das ändern wollen. Lager wie die Bergener Straße gab es in ganz Deutschland zwar zu tausenden, es ist jedoch bemerkenswert gut erhalten. Als Teil der Initiative Gedenkort Bochum-Bergen sucht die ehemalige Geschichtslehrerin deswegen in den Archiven nach Informationen über die Gefangenen, führt Gruppen über das Gelände und setzt sich dafür ein, dass die Kommunalpolitik dieses Zeugnis der NS-Verbrechen nicht aus den Augen verliert.
Unbekannte Akten
Die Anlage, die teils bis heute bewohnt ist und sich im Besitz der Stadt befindet, steht zwar seit 2003 unter Denkmalschutz, die Aufarbeitung ihrer Geschichte nahm allerdings nur langsam Fahrt auf. 2023 stellte die Stadt vor Ort eine Tafel auf, die über die Geschichte des Lagers informiert. Doch im Stadtarchiv schlummern immer noch Akten über osteuropäische Zwangsarbeiter:innen, die laut Wycisk nicht systematisch archiviert und nur vereinzelt auf Anfrage einsehbar seien.
Für die Archivarbeit greift die Initiative auch zurück auf Bestände des Arolsen Archivs und des Deutschen Bergbaumuseums. Achtzig Jahre alte Handschriften zu entziffern ist hier nur die erste Hürde. Osteuropäische Nachnamen wurden falsch übersetzt oder unterschiedlich eingedeutscht, es gibt Zahlendreher und manchmal wurde statt des richtigen Vornamens einfach „Ivan“ notiert.
Gespräche mit Zeitzeug:innen sind eine wichtige Quelle, um etwas über den Lageralltag zu erfahren. Sie sind bisher vor allem durch den Austausch mit der ukrainischen Partnerstadt Donezk zustandegekommen und geben Einblicke in die grauenvollen Umstände, denen die Gefangenen ausgesetzt waren. Eine weitgehend vergessene Opfergruppe wurde unter anderem im Gespräch mit dem Zeitzeugen Stefan Golinski wieder in Erinnerung gerufen: Etwa 750 italienische Militärinternierte (IMI) wurden ab 1944 im Bochumer Bergbau zur Arbeit gezwungen, auch sie lebten auf der Bergener Straße.
Zeitzeugen
Fünfzehn bis zwanzig Interessierte nehmen an regelmäßigen Führungen über das Gelände teil, so Wycisk. Nach der Wiederentdeckung der Geschichte der IMI fand nun eine Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestages eines Luftangriffs der Alliierten statt, bei dem 21 italienische und ein sowjetischer Gefangener ums Leben kamen. Bei diesem Anlass sprachen neben Vertreter:innen der Initiative und der Kommunalpolitik auch Giuseppe Licatese, stellvertretender Konsul des italienischen Konsulats in Dortmund, sowie Alfredo Vernazzani, Mitglied der Nationalen Vereinigung der Partisanen Italiens (ANPI).
Die Aufarbeitung durch die Stadt laufe eher mühsam, sagt Wycisk, dennoch sei sie froh, dass sich etwas bewegt. Die Gebäude werden saniert, in Kooperation mit dem Stadtarchiv ist die Einrichtung eines Museums geplant. Die Stadt müsse bei der Erinnerungskultur ganzheitlicher ansetzen, wünscht sich Wycisk. Die ehrenamtliche Arbeit in Bochum-Bergen sei kein Einzelfall, ähnliche Projekte gebe es an mehreren Orten in der Stadt, zum Beispiel am Erinnerungsort Nordbahnhof. Diese Bemühungen müssten besser miteinander verknüpft werden.
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