
Marty Supreme
USA 2025, Laufzeit: 149 Min., FSK 12
Regie: Josh Safdie
Darsteller: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion
Biopic mit entfesseltem Hauptdarsteller
Atemlos
„Marty Supreme“ von Josh Safdie
Ein waschechtes Biopic ist es nicht geworden. „Marty Supreme“ ist nur lose an das Leben des amerikanischen Tischtennisspielers Marty Reisman (1930-2012) angelehnt, der von 1948 bis 1967 an sieben Weltmeisterschaften teilnahm und fünfmal Bronze gewann. Mit seinem Alter Ego im Film verbindet ihn einzig sein Hang zu undurchsichtigen Geschäften und Schaukämpfen, die der Film genüsslich ausschlachtet. Ansonsten knüpft „Marty Supreme“ nahtlos an die Atemlosigkeit der beiden letzten gemeinsamen Filme des Bruderpaars Josh und Ben Safdie an: „Good Times“ (2017) und „Der schwarze Diamant“ (2019). Zumindest Josh hat sie nun beibehalten in seiner ersten Soloregie nach der „Trennung“. Für „The Smashing Machine“ nahm Ben mit Kampfsportler Mark Kerr zwar auch eine Sportlerlegende zum Vorbild, verharrte aber in eher konventionellen Inszenierungsbahnen.
Josh nimmt dagegen die Dynamik der Magenspiegelungssequenz von „Der schwarze Diamant“ auf und jagt Martys Samen durch den Gebärkanal seiner Jugendfreundin Rachel – unterstützt von Synthesizer-Klängen ihres Hauskomponisten Daniel Lopatin und dem 80er-Jahre Klassiker „Forever Young“ von Alphaville. Rachel wird schwanger und schiebt das Kind ihrem gewalttätigen Ehemann unter. Marty bastelt derweil an seinem Traum: In Kneipen spielt er bei illegalen Tischtennisturnieren um Geld, um seine Reise zu den English Open zu finanzieren. In London angekommen, drängt er sich dem alternden Hollywood Star Kay Stone auf und verführt sie – nicht ohne ihr die Halskette zu stehlen. Die erweist sich aber als Modeschmuck. Kays Mann Milton, ein reicher Industrieller, dagegen als Volltreffer. Der ahnt die finanziellen Gewinne mit der aufstrebenden Sportart Tischtennis und sponsert Marty. Doch der erleidet in Tokio eine demütigende Niederlage gegen den japanischen Meister Koto Endo. Milton schlägt Marty daraufhin vor, weltweit abgekartete Schaukämpfe mit ihm zu veranstalten. Entrüstet lehnt Marty ab – er verdient sein Geld lieber mit windigen Geschäften, in die er auch immer wieder Rachel mit hereinzieht. Außerdem will er mit seinem Freund Dion einen selbst kreierten, orangenen Ping-Poll-Ball vermarkten. Und da ist da noch die skurille Geschichte um einen wegen des zu erwartenden Finderlohns entführten Hund, dessen unheimlicher Besitzer (gespielt von Regie-Ikone Abel Ferrara) ihnen ständig auf den Fersen ist.
Was sich auf den ersten Blick wie das Porträt eines New Yorker Kleinganoven anhört, entpuppt sich bald als energetisch inszenierter Mix aus überdrehter Komödie, Film noir, Sex und absurder Gewalt à la Tarantino (Drehbuch: Safdie, Roland Bronstein). Vorangetrieben wird das Ganze von einem wie entfesselt aufspielenden Hauptdarsteller: Timothée Chalamet spielt eines jener Arschlöcher, denen man im Kino eigentlich ungerne zusieht. Aber er füllt diese arrogante Figur mit so viel Charisma, dass man ihm fast alles verzeiht. So fliegt einem dieser Film bis zum etwas moralinsauren Schluss (oder ist das blanke Ironie?) wie die Tennisbälle bei den brillant gefilmten Turnieren (Kamera: Darius Khondji) nur so um Augen und Ohren.
(Rolf-Ruediger Hamacher)
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