Composing: Robert Michalak

Zum Wohl!

27. März 2025

Intro – Rausch im Glück

Kaum eine Ladenkasse kommt ohne Alkoholregal aus. Im letzten Augenblick kann man hier zum Likör greifen, und wer sich beim Gang entlang den Regalen beherrschen musste, den Einkaufswagen nicht mit Bier, Wein oder Schnaps zu füllen, sieht sich einer letzten Prüfung gegenüber. Dabei konsumieren laut dem „Jahrbuch Sucht 24“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) rund acht Millionen der 18- bis 64-Jährigen in Deutschland Alkohol in „gesundheitlich riskanten“ Mengen, neun Millionen konsumieren „problematische“ Mengen und drei Millionen leiden an einer „alkoholbezogenen Störung“. Alkohol wird schier schrankenlos beworben, auch Zigaretten und andere Substanzdrogen sind ein Milliardengeschäft, freilich vielfach ein illegales. Angesichts dessen stellen sich umstrittene Fragen, nach einem Recht auf Rausch, nach persönlicher und politischer Verantwortung, nach Verbraucherschutz und Verboten. Sie stellen sich auch bei Verhaltenssüchten wie Glücksspiel- und Kaufsucht. All dem geht unser Monatsthema Rausch im Glück nach.

Unsere Leitartikel plädieren dafür, die Ursachen für Armut konsequent zu bekämpfen, um damit auch die Abhängigkeit von Alkohol und anderen Drogen zu verringern, dafür, die Glücksspielindustrie in die Pflicht zu nehmen statt sie auf Kosten der Spieler zu bevorteilen und dafür, Prävention und Therapie von Kaufsucht zu stärken.

In unseren Interviews erklärt der Mediziner Gernot Rücker, warum er ein Recht auf Rausch befürwortet, der Psychologe Tobias Hayer, wie der Glücksspielstaatsvertrag Glücksspiel verharmlost und die Psychotherapeutin Nadine Farronato, was Kaufsucht mit Gefühlen zu tun hat.

In unseren Lokalbeiträgen erfahren wir beim Cannabas-Club in Köln, wie kompliziert sich der Weg zu einer legalen Abgabe von Cannabis gestaltet, beim Blauen Kreuz in der Evangelischen Kirche (BKE) in NRW, wie ein international beachtetes Online-Projekt Menschen dabei hilft, ihre Abhängigkeit zu überwinden und bei der Caritas-Suchthilfe in Wuppertal, was gegen Kaufsucht hilft.

Rausch ist zunächst einmal Privatsache. Trotzdem braucht es selbstverständlich Aufklärung und nicht zuletzt Kinder- und Jugendschutz. Psychologen und Soziologen weisen unermüdlich darauf hin, dass Armut, familiäre Konflikte, Diskriminierung, Traumata oder psychische Erkrankungen maßgeblich das Risiko steigern, eine Suchterkrankung zu entwickeln. Zwischen Genuss und Zwang sowie Selbst- und Fremdschädigung verläuft also mitunter eine zarte Grenze – und auf welcher Seite sich jemand wiederfindet, liegt nicht einfach in der persönlichen Verantwortung. Vielmehr hat die Politik große Spielräume, ihrer Pflicht besser nachzukommen, Suchtrisiken zu senken und Betroffenen zu helfen. Wie wäre es daher, die Budgets für Sozial- sowie Gesundheitspolitik so entschlossen aufzustocken, wie nun für Verteidigung und Infrastruktur – zum Wohl übrigens auch derjenigen, die nicht unter einer Sucht leiden?

Dino Kosjak/Chefredaktion

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