
Mündigkeit ist „ein inneres und äußeres Vermögen zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung“, ein „Zustand der Unabhängigkeit“, resümiert Wikipedia. Ein recht individuell auslegbarer Zustand also. Vor dem Gesetz aber müssen Fakten geschaffen werden. Also legt das Strafrecht fest, dass wir ab 14 strafmündig sind. Zugleich dürfen wir aber erst ab 18 wählen. Ja, was denn nun? Ab wann sind wir Bürger:innen mündig?
Was Demokratie voraussetzt
Immerhin, die Politik nähert sich etwas an bei Wahl- und Strafrecht. Bei der Europawahl und zuletzt in Baden-Württemberg werden auch junge Menschen ab 16 an die Wahlurne gebeten – und vielleicht auch demnächst in NRW. Von einem entsprechenden Gesetzentwurf verspricht sich der stellvertretende Vorsitzende der nordrhein-westfälischen CDU-Landtagsfraktion, Klaus Voussem, eine „stärkere Bindung zur Demokratie“ und bezeichnet das Entgegenkommen zugleich gönnerhaft als „Vertrauensvotum“. Dieses gilt allerdings nicht bloß für 16-Jährige, baut Demokratie doch grundsätzlich auf Vertrauen in ihre Wähler:innen, sprich: auf deren Mündigkeit. Damit trifft Voussem ungewollt den Kern: Demokratie gibt den Bürger:innen das Recht auf Mitbestimmung, weil sie auf deren Verantwortungsbewusstsein vertraut.
Das hat in der Bundesrepublik lange Zeit einigermaßen gut funktioniert. Wenn heute jede:r Fünfte über 18 sein Kreuz dort macht, wo sich Nazis tummeln, darf allerdings bezweifelt werden, ob legitimierte Mündigkeit automatisch etwas mit Reife und Verantwortung zu tun hat. Manipulierbar sind wir alle. Jüngere sind hier nicht mehr beeinflussbar als Ältere – allenfalls anders.
Manipulierbarkeit ist keine Frage des Alters
Von daher ist es gut und recht, auch Jüngere ranzulassen. Nicht zuletzt, weil sie es sind, die dem Großteil der Wählerschaft später die Rente zahlen, die Alten pflegen und darüber hinaus auch noch das Land verteidigen dürfen. Freilich bleiben diese jungen Träger der schweren Erblast auch bei einer Wahl ab 16 unterrepräsentiert. Aber so, wie sich Wahlen zuletzt gestalten, sind ein paar Prozent ja durchaus entscheidend. Laut Umfragen zu jungen Wählergruppen tummeln die sich bevorzugt rechts und links außen. So durften sich bei der letzten Bundestagswahl die AfD (21 Prozent) und vor allem Die Linke (25) über Stimmen von Wähler:innen zwischen 18 und 24 freuen. Was Heidi Reichinnek, Linken-Co-Vorsitzende im Bundestag, ihrer Partei ist, war Greta Thunberg einst den Grünen. Und die AfD hat, hm, ja wen eigentlich? Nun, jedenfalls allerlei irres Männlichkeitsgeschwurbel, was vor allem manche junge Männer anfixt. So etwas hat sich der Autor des vorliegenden Textes in seinen jungen Jahren noch im Kino („Rambo“) abgeholt – es dort aber auch gelassen. Zugleich hätte er mit 16 definitiv noch nicht gewusst, was er wählen soll. Mit 18 hatte er immerhin schon eine grobe Orientierung (Eltern). Aber damals gab es auch noch keinen Wahl-O-Mat. Den nutzen heute wiederum nicht bloß Jugendliche, während der Autor inzwischen immerhin weiß, was er nicht wählt.
Was es braucht
Was aber macht uns nun mündig? Hilfreich wäre eine ausgewogene politische Bildung und Medienkompetenz, nicht nur für Erwachsene. Mündigkeit ist kein Altersbonus, sondern eine Qualifikation – und damit Gebot der Stunde. Das wusste schon Adorno: Mündigkeit als Grundvoraussetzung für die freie Willensbildung. Für die Demokratie. Mündigkeit kann totalitäre Systeme vereiteln. Gerade wir selbstgerechten Älteren sollten uns regelmäßig fragen, wie weit es her ist mit unserer Mündigkeit. Hier sind nicht bloß Wähler:innen gemeint, sondern auch die Gewählten.
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