Mit 18 Millionen Menschen ist NRW das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Dennoch gibt es pro Kopf deutlich weniger Stellen als im Bundesdurchschnitt. Das bedeutet, es gibt schlicht nicht genug Jobs für alle Menschen im arbeitsfähigen Alter. Laut Bundesagentur für Arbeit waren 2025 rund 783.400 Menschen in NRW arbeitslos, die Arbeitslosenquote lag bei 7,9 Prozent – deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 6,5 Prozent. In Städten wie Dortmund (12,2) oder Duisburg (13,3) ist sie teilweise fast doppelt so hoch.
Hohe Erwartungen
Früher versprach ein guter Schulabschluss eine gute Ausbildung und danach eine gute Stelle. Heute ist nicht einmal ein akademischer Abschluss ein Garant für ein Leben in Arbeit und Würde. Besonders Gen-Z-Absolvent:innen erleben das. Einstiegsstellen sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen, während Arbeitgeber:innen gleichzeitig Anforderungen stellen, die Berufsanfänger:innen kaum erfüllen können. Wer dennoch eine Stelle findet, erhält häufig nur einen befristeten Vertrag.
Fast jede zweite Person
Schlechte Chancen haben auch Migrant:innen und ältere Arbeitssuchende. Viele Ältere in NRW haben in Branchen gearbeitet, die durch den Strukturwandel an Rhein und Ruhr weggefallen sind oder heute andere Qualifikationen verlangen. Zudem gelten sie oft als zu teuer oder wenig belastbar. Was macht das mit den Menschen? Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der ich selbst arbeitslos war – ein Schicksal, das fast jede zweite Person im Laufe ihres Berufslebens trifft. Ich geriet in Panik, befürchtete, dass ich meine Raten nicht mehr zahlen könnte und die Bank mich aus meinem Zuhause kicken würde. Ich würde als Schwarze Alleinerziehende nie mehr eine Wohnung oder einen Job finden und mit meinem Kind unter der Brücke hausen müssen.
Konzerngewinne
Rückblickend waren das unbegründete Ängste, doch mich belastete die Situation, in die ich unverschuldet geraten war – eine Konzernentscheidung, die Konsolidierungen und Entlassungen zwecks Gewinnmaximierung durchsetzte.
Viele Menschen fallen bei Verlust ihrer Arbeit in ein tiefes Loch. Je länger sie erfolglos eine neue Stelle suchen, desto wahrscheinlicher entwickeln sie eine Depression. Studien zeigen: Langzeitarbeitslosigkeit macht krank. Betroffene fühlen sich entwertet, erleben Stigmatisierung und soziale Isolation. Oft leiden auch Familien und Freundschaften darunter. Arbeitslosigkeit ist daher kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem.
Es könnte viel besser sein
Andere Länder zeigen, dass es anders geht. Skandinavische Staaten haben wirksamere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, die Menschen helfen, sich wechselnden Anforderungen anzupassen und schneller eine neue Stelle zu finden. Die Quoten liegen dort deutlich niedriger: in Norwegen aktuell bei 4,6, in Dänemark bei 2,9 Prozent. Bundeskanzler Merz bezeichnet Menschen, die nicht arbeiten gerne als faul. Kein Wort darüber, dass viele arbeiten wollen – aber nichts finden. Und während sie immer verzweifelter werden, wird ihnen mit neuen Sanktionen gedroht. Wie wäre es, wenn Arbeitnehmer aufhörten, von Berufsanfängern 20 Jahre Berufserfahrung zu erwarten? Oder wenn sie Kandidat:innen, die tatsächlich 20 Jahre Erfahrung haben, einstellten, ohne sie in die Schublade „zu alt, zu teuer, zu gebrechlich“ zu stecken?
Druck statt Hilfe
Zum 1. Juli tritt das neue Grundsicherungsgesetz in Kraft, das den Druck auf Erwerbslose weiter erhöht. Doch Sanktionen schaffen keine neuen Stellen. Statt Arbeitslose als arbeitsunwillig zu stigmatisieren und ihnen immer mehr Repressalien aufzuerlegen, wären stellenfördernde Maßnahmen der bessere Weg.
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