Die Atmosphäre wirkt so stimmig, dass man es glatt glauben möchte: Ja, so muss es wohl gewesen sein im Wien Maria Theresias, also etwa Mitte des 18. Jahrhunderts. – Doch Pustekuchen. Niemand schwelgte zu jener Zeit in Wiener Walzerseligkeit. Und auf den „alten Brauch“, der Auserwählten zur Brautwerbung eine silberne Rose überreichen zu lassen, ist auch noch kein Historiker gestoßen. Richard Strauss und Hugo von Hoffmansthal haben mit ihrem „Rosenkavalier“ eine überzeugende Rokoko-Welt erschaffen, die es so nicht gegeben hat.
Alles ist nur ein Spiel – die erfundene Adelsgesellschaft mit ihren erfundenen Bräuchen und auch der Liebesreigen, in den die nicht mehr ganz so junge und desillusionierte Feldmarschallin mit ihrem jugendlichen Liebhaber, dem derb-lüsternen Cousin und seiner blutjungen Braut gerät. Regisseur Philipp Harnoncourt ließ sich von dieser Ausgangslage zu einem Theater auf dem Theater inspirieren, das durchaus gut funktioniert.
Das Ausstattergespann Renate Martin und Andreas Donhauser stellt drei Räume in drei Akten jeweils auf bewegliche Bühnenwagen, die ab und an sogar bei laufendem Stück bewegt werden. In der Zwischenebene – also auf der Bühne, aber außerhalb der Räume – bewegen sich nur zwei Randfiguren: die Souffleuse, die ein ums andere Mal in das Spiel einbezogen wird, sowie der „Hausknecht Mohammed“. Im Originallibretto ist er „ein kleiner Neger“. Und auch Harnoncourt lässt, unter anderem Namen, einen schwarzen Statisten auftreten – nun allerdings mit deutlich aufgewerteter Rolle. Der Hausknecht wird zu einer Art „Opernführer“, der Vorhänge lüftet, an den Kulissen herumrückt – und am Ende gar das junge Glück Octavian und Sophie unsanft von der Bühne fegt.
Gerade letztere rüde Geste darf durchaus als Kommentar der Regie verstanden werden: Dass der junge Octavian – wie von seiner wesentlich älteren Geliebten vorhergesagt – auf das erstbeste junge Ding abfährt, ist kein Happy End, sondern alberner Kinderkram. Handfester Humor ist eine der Stärken dieser Inszenierung. Michael Tews gibt als herrlich schmieriger Lustmolch Ochs eine tragende Säule dieser Komik. Und er erfüllt seine Rolle mit kernigem Bariton auch gesanglich sehr überzeugend. Petra Schmidt singt als Feldmarschallin die ernsthafteste Partie – klangschön und mit großer Souveränität. Die größte Strahlkraft entwickelt Nadja Stefanoff in der Hosenrolle des jugendlich glühenden Octavian. Alfia Kamalova gibt als Sophie das Riesenbaby in Schulmädchenlook und mit Hornbrille. Entsprechend kindlich und naiv lässt sie ihren Sopran klingen. Warum nur konnte sich der junge Held in solch ein kleines Mädchen verlieben, hat sich Regisseur Harnoncourt offenbar gefragt.
Regie und musikalische Ebene finden also weitgehend ihre Entsprechungen – was will man mehr? Auch die Neue Philharmonie Westfalen hinterlässt unter Leitung von Rasmus Baumann einen guten Eindruck. Die Partitur, die es an vielen Stellen in sich hat, erklingt mit Drive, angemessenen Tempi und differenziert im Klang.
„Der Rosenkavalier“ I 20.10. 15 Uhr I Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen I 0209 409 72 00
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