Baurzhan Anderzhanov gibt den Priester der Geflüchteten
Foto: Matthias Jung

Flüchtlingsdrama auf Distanz

29. Oktober 2015

„The Greek Passion“ in Essen – Oper in NRW 11/15

Mit diesem Stück, so scheint es, hat das Essener Aalto-Theater zur Saisoneröffnung einen Volltreffer gelandet: eine Oper über Flüchtlinge, die nicht willkommen sind und unter denen, die sich von ihnen bedroht fühlen, einen tödlichen Konflikt auslösen. Selbst der Ort des Geschehens – Griechenland – könnte kaum besser passen zum aktuellen Tagesgeschehen. Doch „The Greek Passion“, eine Oper des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů nach dem gleichnamigen Roman von Nikos Kazantzakis, ist beinahe 60 Jahre alt. Und sie dreht sich um einen Konflikt, der fast 100 Jahre zurückliegt: die Vertreibung von anderthalb Millionen Griechen durch die Türken in den 1920er Jahren. Der Brückenschlag in unsere Zeit wäre keine große Verrenkung. Die Inszenierung indes meidet ihn ausdrücklich und schafft ästhetisch sogar noch mehr Distanz als nötig.

Dabei hatte Komponist Martinů, der selber vor den Nazis in die USA geflohen war und wegen des stalinistischen Nachkriegsregimes nicht in seine Heimat zurückkehren konnte, offenbar erkannt, dass sich Flüchtlingsschicksale im Laufe der Geschichte wiederholen – und auch die Art, in der man ihnen begegnet. Regisseur Jiří Heřman, der gemeinsam mit Dragan Stojčevski ebenfalls für das Bühnenbild verantwortlich ist, ficht das nicht an. Seine Regie und Ausstattung sind vor allem dekorativ. „Zeitlos“, wenn man es positiv sehen will, und technisch durchaus einfallsreich. Negativ fällt in jedem Falle auf, dass die Kulissen für ein Flüchtlingsdrama ein gehöriges Maß zu schick und geleckt geraten sind. Ganz so, als könne man das wahre Elend einem Opernpublikum nicht ungefiltert zumuten.

Verstärkt wird der Eindruck noch von der Entscheidung des Essener GMD Tomáš Netopil für die zweite, „Zürcher“ Fassung der Oper, die Martinů kurz vor seinem Tod 1959 noch einmal umgearbeitet und im dramatischen Gehalt entschärft hatte. Musikalisch wirkt die Partitur heute nicht mehr sonderlich modern. Martinůs Stil gründet in der noch stark tonal verankerten klassischen Moderne des frühen 20. Jahrhunderts. Besonders die expressionistischen, rhythmisch prägnanten Elemente fallen auf. Die Partitur hat auch ihre dissonante Schärfen. Im Großen und Ganzen aber dominiert für heutige Ohren der Wohlklang.

Die musikalische Umsetzung der äußerst personalintensiven Oper mit großen, mehrteiligen Chören und einer langen Riege von Solisten gelingt hervorragend. Netopil liegt diese wenig bekannte Musik aus seiner Heimat unüberhörbar am Herzen. Dem Libretto ist unterdessen anzumerken, wie schwer sich Martinů tat, die komplexe Romanvorlage zu reduzieren. Letztlich steckt immer noch ein zu großes Personengeflecht darin, um tiefer gehende Charakterzeichnungen zuzulassen.

„The Greek Passion“ | R: Jiří Heřman | Do 12.11. 19.30 Uhr, Sa 14.11.19 Uhr, weitere Termine 2016 | Aalto Musiktheater Essen | 0201 81 222 00

Karsten Mark

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