Michael Wollny
Foto: Jörg Steinmetz

Szenen eines intensiven Musikerlebens

29. Oktober 2026

Michael Wollny in der Philharmonie Essen – Improvisierte Musik in NRW 11/26

Zwischen Klimpermännchen und hochvirtuosem Jazztraditionalisten mit permanentem Blick über den Tellerrand und Ohr an aktuellen Trends und interdisziplinären Errungenschaften – mehr geht nicht im Leben eines Improvisators. Wenn Michael Wollny in Essen seine Konzertreihe als Porträt-Künstler der Saison im Herbst mit der „Winterreise“ eröffnet, sitzt er zwar ganz allein auf der philharmonischen Bühne, aber er wird getragen vom kulturellen Erbe des romantischen Liedkönigs Franz Schubert als Inspiration für die eigene stil-offene Um-Schreibung meisterlicher Tonkunst – Schubert reloaded.

Eine Inspiration aus Fleisch und Blut war bereits für den jungen Michael Wollny das pianistische Ungeheuer Joachim Kühn, ebenfalls ein Tänzer auf der Tastatur, ein Vollblut-Europäer und „Querdenker“, dessen Antwort auf meine Frage nach seiner unstillbaren Neugier und Suche überzeugend lautete: „Ich suche weniger, ich finde lieber!“ 

Das gilt wohl auch für Wollny. Mit Kühn hat er nicht nur ein Album eingespielt, über dessen Improvisationskunst hat er vor einem Viertel Jahrhundert seine Diplomarbeit geschrieben. Wollny gilt manchem Kenner als Erbe der Kühnschen Kühnheit, einfach alles, was klingt, auszubeuten. Seine fünf Porträt-Konzerte in Essen künden eindrucksvoll von der immensen Bandbreite dieses 1978 in Schweinfurt geborenen einstigen Supertalents. Wollny hat sich seine Sporen redlich verdient und sich im Jazz konsequent hoch gearbeitet. Mit dem stilistisch offenen Jazzlabel von Siggi Loch öffneten sich neue Welten, der Pianist liebäugelte zeitweise mit den Popcharts. Das prädestinierte ihn als ersten Artist in Residence für die Hamburger Elphi.

Poppigen Wohlklang verspricht auch phasenweise die Begegnung mit dem Schubert-Hit: Der Solo-Abend zündet eine Reihe völlig unterschiedlicher Konzertabende. Als Leipziger Professor an der Hochschule und Gastprofessor in Lausanne bringt er Studenten der Essener Folkwangschule auf die Bühne, mit dem Soziologen Hartmut Rosa philosophiert er über Wert der Unverfügbarkeit und Lob des Spielraums, über seine Rezeptoren in der Improvisierten Musik. Und eine Funky-Band erwartet die Besucher des Konzerts „4 Wheel Drive“, ein Promi-Quartett. Letzte Worte liefert das Wollny Trio mit Kernkompetenz im Portraitieren dieses umtriebigen Ausnahme-Pianisten – im November zunächst pur und Solo.

Michael Wollny Solo: „Winterreise“ | Fr 20.11. 19 Uhr, weitere Termine 2027 | Philharmonie Essen, Alfried Krupp Saal

Olaf Weiden

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