Einen König wie Cyrus kann sich jedes Volk nur wünschen. Als edler Befreier des jüdischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft ging der Anführer der Perser in die Bibel ein. Und auch historische Quellen haben nur Gutes zu berichten. Für Händel und seinen Librettisten Charles Jennens war der Fall somit klar. Cyrus war der ideale Held für ein Oratorium, das weniger auf theologische Erbauung als auf eines abzielte: das Publikum zu unterhalten.
Nach mehr als 20 Jahren Abstinenz bringt das Musiktheater im Revier mit Händels „Belsazar“ wieder ein vollständiges barockes Stück auf die Bühne. Damit behandelt es das ursprünglich nur zur konzertanten Aufführung konzipierte weltliche Oratorium als das, was es eigentlich ist: eine Choroper. Sonja Trebes hat sie als ihre erste Regiearbeit in Gelsenkirchen in Szene gesetzt und lässt den Helden so sehr strahlen und glänzen, dass man es schon ahnen kann: Hinter der schönen Fassade tut sich noch ein düsterer Abgrund auf.
Als musikalischen Leiter hat sich die Gelsenkirchener Oper mit Christoph Spering einen überaus renommierten Spezialisten für Alte Musik und historische Aufführungspraxis ans Haus geholt. Ihre modernen Instrumente hat er den Musikern der Philharmonie belassen. Das Klangbild und der rhythmische Drive des Orchesters sind indes eine wahre Freude. Sie geben dem durchaus spannungsgeladenen Stück den nötigen Schwung.
Bei den Sängern kommt Gelsenkirchen mit einem einzigen eingekauften Spezialisten aus: Attilio Glaser gibt den Bösewicht Belsazar mit strahlendem Tenor und überzeugender Großkotzigkeit. Die souveräne Mezzosopranistin Anke Sieloff in der Hosenrolle des Helden Cyrus und die ebenfalls herausragende Alfia Kamalova als Belsazars Mutter Nitocris hingegen gehören wie alle weiteren Solisten zum Ensemble. Auf diesem Niveau wird der „Gelsenkirchener Barock“ gar zum neuen Gütesiegel erhoben.
Einen Bezug zum Ruhrgebiet lässt unterdessen nur das funktional-zurückhaltende Bühnenbild von Hyun Chu erkennen, in dem der Turm zu Babel subtil, aber erkennbar an einen Gasometer erinnert.
Eine tragende Hauptrolle spielt auch der Chor, der unter Leitung von Christian Jeub eine uneingeschränkt starke Leistung gezeigt. Es ist sogar eine Dreifachrolle. Mal singt er das Heer der Perser, mal die gefangenen Juden, mal die Einwohner von Babylon. Dabei tragen die Sänger zuweilen sogar zwei Kostüme übereinander. Kostümbildnerin Renée Listerdal bedient sich einiger Klischees wie der orthodoxen Juden mit Hüten und Schläfenlocken oder jenem des schillernden arabischen Despoten mit Leopardenfell und vergoldeter Handgranate um den Hals. Solch erfrischend karikierender Humor steht im krassen Gegensatz zum trostlosen Ende. Cyrus entpuppt sich als offensichtlich noch schlimmerer Despot. Zum Schlusschor tritt eine im schlichten Schwarz vereinheitlichte Volksmasse an. Strahlen darf nur noch einer.
„Belsazar“ | R: Sonja Trebes | 26.12., 11.1. je 18 Uhr, 3.1. 19.30 Uhr | Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen | 0209 409 72 00
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