Gioachino Rossini hatte sich als Zwanzigjähriger mit seinen einaktigen Komödien in Venedig bereits einen Namen gemacht – da kam die große Chance: Für die Karnevalsspielzeit 1813 sollte er eine ernste Oper schreiben, vorgesehen für die bedeutendste Spielstätte der Lagunenstadt, das Teatro La Fenice. Rossini griff zu, aber das Glück war ihm nicht hold. „Tancredi“ trat erst nach Aufführungen in Ferrara (mit tragischem statt glücklichem Ende) und Mailand seinen Siegeszug durch ganz Europa an. Der elegante Schlussteil der Auftrittsarie des Titelhelden, „Di tanti palpiti“, wurde in Italien zum Volksschlager.
Heute kommt der „ernste“ Rossini weltweit – in Deutschland allerdings unter Schmerzen – wieder ans Tageslicht, nachdem man ihn lange auf den unverwüstlichen „Barbier von Sevilla“ reduziert hatte. „Tancredi“ wird gerade in Frankfurt von Manuel Schmitt neu inszeniert (Premiere am 7. Juni). Und Köln übernimmt ab 21. Juni die Inszenierung, die Jan Philipp Gloger 2024 für die Bregenzer Festspiele geschaffen hat.
Gloger, derzeit künstlerischer Direktor am Volkstheater Wien und ausgewiesener Opernregisseur („Der fliegende Holländer“ in Bayreuth), verlegt die dramaturgisch wackelige Story vor dem Hintergrund eines Kriegs zwischen dem sizilianischen Stadtstaat Syrakus und den Sarazenen im Jahr 1005 in ein südländisches Mafia-Milieu. Tancredi ist in seinem Konzept eine als Mann getarnte Frau, verbunden in lesbischer Liebe mit der Drogenbosstochter Amenaide. Das ist kein modischer Tribut an Queerness-Tendenzen, sondern macht die Unwahrscheinlichkeiten in Gaetano Rossis Libretto glaubwürdig: Das Ergebnis ist ein zugespitztes Drama zweier junger Menschen, die in der gewaltgeprägten Machokultur patriarchal organisierter Clankrimineller keine Chance haben. Tancredis Feststellung, seit ihrer Kindheit sei „der Himmel gegen mich“, ist im Licht einer in dieser Gesellschaft unmöglich lebbaren sexuellen Orientierung mehr als floskelhaftes Liebespathos.
George Petrou widmet sich mit dem Gürzenich Orchester der instrumentalen Virtuosität Rossinis, die seiner vokalen Kunst nicht nachsteht. In den Hauptrollen sind Adriana Bastidas-Gamboa, Giuliana Gianfaldoni, Dmitry Ivanchey und Gabriele Sagona zu erleben.
Tancredi | 21. (P), 23., 25., 28.6., 1., 3., 5.7. | Oper Köln, Staatenhaus | 0221 22 12 84 00
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